HRweb | Die erfrischende Plattform für Human Resources

Betriebliches Gesundheitsförderung (BGF) im Home Office | Vorteile und Voraussetzungen

Home Office bietet – hinsichtlich betrieblicher Gesundheitsförderung – andere Möglichkeiten als Anwesenheit im Office. Viele positive Effekte aber auch nicht soooo tolle Konsequenzen. Ganz konkret: worin liegen die Vorteile und welche Voraussetzungen braucht es?

In meiner Experten-Runde finden sich Personen, die sich berufsmäßig mit Betrieblicher Gesundheitsförderung auseinander setzen.

 

 



 

Worin liegen für Betriebliche Gesundheit die großen Vorteile im Home-Office-Trend?

Mag. Gernot Kampl (IEPB): Hier kann ich gerne aktuelle Zahlen beisteuern. Seit Beginn der Pandemie erheben wir nämlich neben den „klassischen“ psychischen Belastungen bei der Arbeit im Büro oder am Arbeitsplatz außer Haus auch, ob Home-Office geleistet wird. Wenn ja, wollen wir wissen, wie es eben hier mit den arbeitsbedingten psychischen Belastungen aussieht und zusätzlich interessiert uns, ob die befragten Personen betreuungspflichtige Kinder haben. Wir erwarteten zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppen eine Kluft bei der Einschätzung, ob Home-Office die tägliche Arbeit erschwert oder erleichtert. Doch sowohl Personen ohne als auch mit betreuungspflichtigen Kindern beantworteten diese Frage im Mittel nahezu ident, dass nämlich Home-Office eine tendenzielle Erleichterung der Arbeit darstellt.
Bei der Frage, ob Home-Office die Work-Life Balance erleichtert oder erschwert, gab es ebenfalls keine signifikanten Unterschiede und auch hier wird Home-Office als eine tendenzielle Erleichterung gesehen. Wenn also – eine sinnvolle Implementierung von Home-Office vorausgesetzt – sowohl die Arbeit besser geleistet werden kann als auch die Work-Life Balance verbessert wird, sind das schon ganz erhebliche Vorteile.

Bernhard Schlosser (Virgin Pulse): Durch den ersparten Arbeitsweg haben viele Mitarbeiter mehr Zeit für ein Workout, oder haben zum Beispiel die Leidenschaft zum (gesunden) Kochen und zu Mindfulness entdeckt. Außerdem kann durch die Zeit zu Hause die ganze Familie in den gesunden Lebensstil eingebunden werden. Unternehmen sollten das als Chance sehen, dieses neue Bewusstsein für Gesundheit nachhaltig zu nähren und zu fördern, auch weit über das Home-Office hinaus. Schließlich profitieren auch Unternehmen von gesünderen und produktiveren Mitarbeitern.

Matthias Welkens, MBA (IBG): Die Notwendigkeit der Eigenverantwortung für die persönliche Gesundheit war und ist in der Prävention bzw. Betrieblichen Gesundheitsförderung ein wesentlicher Bestandteil. Dies wird durch die Tätigkeit im Homeoffice nochmals verstärkt, denn auch hier sind gutes Selbstmanagement, Kontinuität und Ausdauer sehr gefragt – dies sind auch wichtige Attribute für den Umgang mit unserer Gesundheit. Die Tätigkeit im Homeoffice bedeutet darüber hinaus für manche Berufsgruppen auch die Möglichkeit einer flexibleren Zeiteinteilung für gesundheitsfördernde Tätigkeiten wie Bewegung und Entspannung. Somit kann der Trend zum Office auf jeden Fall eine Verstärkung hin zur Eigenverantwortung und Steigerung des Gesundheitsbewusstseins bringen. Im Hinterkopf bleibt natürlich immer auch der Gedanke an die Gefahr, dass das Pendel ebenso in die andere Richtung ausschlagen kann.

MMag. Dr. Ingrid Pirker-Binder (Stress-Out): Arbeiten von Zuhause aus verspricht flexiblere und freier gestaltbare Arbeit, wodurch Tätigkeiten besser an individuelle Bedürfnisse angepasst werden können. Wenn Arbeit in Einklang mit dem eigenen Lebensrhythmus und -inhalt steht, dann werden auch Stress und andere psychische Belastungen reduziert, welche z.B. durch Rollen- und Aufgabenkonflikte entstehen.
Auch das Zeitmanagement lässt sich eigenständiger handhaben und die entfallenden Anfahrtszeiten können sinnvoll und produktiv genutzt werden. Mehr Eigenverantwortung, Selbstwirksamkeit und mehr Spielraum fördern das Wohlbefinden von Personen, was wiederum wesentlich für die Erhaltung und Förderung psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz ist.
Das Zuhause ist für die meisten Menschen ein Ort, an dem man sich wohl fühlt und eine positive Arbeitsatmosphäre trägt ebenfalls zum eigenen Wohlbefinden bei. Die Möglichkeit, alles den eigenen Bedürfnissen anzupassen, eröffnet auch einen Spielraum für die Beschäftigten: Je nach Wunsch kann der Arbeitsplatz begrünt werden, der Kühlschrank mit gesunden Mahlzeiten befüllt oder Pausen für einen Spaziergang durch den eigenen Garten genutzt werden.

Anita Rainer (bab Unternehmensberatung): Wir erleben, dass sehr viele Unternehmen in Pandemiezeiten auf Home Office umgestellt haben und dabei ungeahnte Vorteile entdecken. Home Office kann wesentliche Faktoren der betrieblichen Gesundheitsförderung – wie ungestörtes, selbstbestimmten Arbeiten und, so ungewöhnlich es klingt, eine gute Anbindung an die Organisation – unterstützen.

  • Es ist für viele ein Gewinn an Autonomie, weil die Einteilung bestimmter Tätigkeiten selbstbestimmter erfolgt.
  • Es gibt weniger Unterbrechungen bzw. ist es leichter steuerbar, wenn Push Up Nachrichten und Handys abgestellt werden.
  • Über ein digitales/remote Setting können Meetings rascher einberufen werden und Wegzeiten fallen weg. Das ermöglicht es Mitarbeitenden leichter teilzunehmen und Führungskräften schneller und flächendeckend zu informieren.
  • Für viele ist auch der Wegfall der Wegzeiten – und der damit verbundenen Kosten – ein großer Gewinn. Damit fallen Stressfaktoren und Anforderungen weg, die mit der Anreise per Auto (morgendliche Staus!) oder Zug (morgendliche Zugverspätungen!) verbunden sind. Die „gewonnen“ Zeiten können bestenfalls auch für das eigene Wohlbefinden genutzt werden (wie z.B. Fitnessübungen am Morgen) oder sorgen zumindest für eine bessere Vereinbarkeit und damit wiederum Entlastung.
  • Auch die Möglichkeit für ein schnelles selbstgekochtes Essen in der Mittagspause wird gesundheitsfördernd wahrgenommen oder die besseren Möglichkeiten zur Pausengestaltung zuhause.
Welche betrieblichen Rahmenbedingungen braucht es für ein gesundheitsförderndes Home-Office?

MMag. Dr. Ingrid Pirker-Binder (ZBG – Zentrum für Betriebliche Gesundheit): Um betriebliche Gesundheit zu fördern, bedarf es gewisser Rahmenbedingungen. Die Möglichkeit der Abgrenzung erscheint gerade im Kontext von zeit- und ortsungebundener Arbeit essenziell. Würde man in einer Firma von den Mitarbeitenden erwarten, dass sie um 22:00 abends oder am Wochenende am Arbeitsplatz anzutreffen sind? Lautet die Antwort darauf „nein“, sollte diese Bedingung eben auch für das Home-Office gelten. Menschen brauchen Zeiten zur Erholung und Regeneration, um psychische und physische Gesundheit zu erhalten. Unternehmen sollten dementsprechend darauf achten, ständige Erreichbarkeit nicht zu unterstützen und schon gar nicht zu fordern.
Außerdem gilt es auch im Home-Office, Personen in ihrem Selbst- und Zeitmanagement zu fördern und Austausch und Kommunikationsmöglichkeiten zu etablieren, um eine positive Arbeitsatmosphäre zu schaffen.

Anita Rainer (bab Unternehmensberatung): Home Office gelingt dann gut, wenn Führungskräfte für entsprechende Rahmenbedingungen sorgen. Aus unserer Sicht betrifft das vor allem zwei Faktoren: das zur Verfügung stellen von entsprechenden Arbeitsmitteln und ein gutes Kommunikationsmanagement.
Wir erleben es als „um und auf“, den Kontakt über virtuelle Meetings aufrecht zu erhalten und zu ermöglichen. Je höher die digitale Kompetenz der Führung, umso leichter gelingt es: es erfordert Überlegungen und Maßnahmen, damit es auch virtuell gelingt, gut in Kontakt zu treten und zu bleiben.  Das braucht auch die Auseinandersetzung mit digitalen Tools. Aber Achtung – das richtige Maß ist der Er-folg. Führungskräfte, die z.B. täglich in der Früh ihre Aufgaben „verteilen“, lösen Druck aus und erzeugen Stress.
Und last but not least: Wie rasch gelingt es den Führungskräften ihre eigene Arbeit von einer Kultur des „Zurufens“ ins nächste Büro in eine Form der transparenten Planung zu wandeln? Denn für ein gutes Gelingen braucht es mehr Ergebnisorientierung, und dazu gehören Zielvereinbarungen, aber auch das Vertrauen der Führungskräfte in ihre Mitarbeitenden, regelmäßiges Leistungs-Monitoring mit Feedback-Schleifen inklusive Lern- und Unterstützungsangebote.

 



Die Gesprächspartner

.


Matthias Welkens, MBA
Leitung Arbeitssicherheit und Ergonomie

IBG Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement GmbH

www.ibg.at

Unternehmens-Profil


Bernhard Schlosser
Executive Director Europe

Virgin Pulse

www.virginpulse.com

Unternehmens-Profil


Anita Rainer
Geschäftsführung

bab Unternehmensberatung GmbH

www.bab.at

Unternehmens-Profil


Mag. Gernot Kampl
Arbeitspsychologe und Geschäftsführer

IEPB – Institut zur Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz GmbH

www.iepb.at

Unternehmens-Profil


MMag. Dr. Ingrid Pirker-Binder

Stress-Out


Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.