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Lehre als Gesamtes attraktiver gestalten

Wie kann die Lehre attraktiver werden? Für jene, die Lehre als Konzept bisher nicht für sich in Betracht zogen und auch für jene, die sich genau für diesen Ausbildungsweg entschieden?

Meine Experten-Runde vom Interview „Die abgebrochene Lehre“ gibt mir auch heute wieder Hintergrundinfos:

 

 



 

Wie könnte die Lehre als Gesamtes attraktiver werden?

Gernot Schneebauer (HeartBeat):

  • Aufzeigen der Chancen und Möglichkeiten für einen Jugendlichen. Stichwort: Fachkräfte der Zukunft haben einen sicheren Beruf. z.B. Handwerk hat goldenen Boden. Eine Lehre bietet viele Perspektiven für das gesamte Leben!
  • Berufsbilder modern kommunizieren. Beispiel Tischler: Der Tischlerberuf hat bei den Jugendlichen das Image als verstaubter Beruf wo man schmutzig wird und wenig verdient (á la Meister Eder und der Pumuckl). Tatsache ist, dass Tischlereitechniker immer stärker mit modernen Technologien und digitalen Werkzeugen arbeiten (CNC Maschinen, 3D zeichnen, etc.)
  • Firma kann eine neue Heimat werden! Für Jugendliche wird Zugehörigkeit immer wichtiger!

Robert Frasch (Lehrlingspower): Da braucht es eigentlich eine Gesamtreform des Systems, ähnlich wie in der Schweiz. Bildungsübergänge müssen synchronisiert möglich sein (Stichwort neuntes Schuljahr, aber alle Oberstufen und AHS beginnen nach dem achten Schuljahr). Es braucht weiterführende Angebote wie duale Studiengänge. Denn diese werten einen Beruf automatisch auf und ermöglichen eine erfolgreiche Fachkarriere. Und es braucht massive Verstärkung bei der Aufklärung von Lehrern und Eltern, denn sehr oft sind die Arten von Berufseinstiegen gar nicht bekannt. Oder unterliegen Annahmen, die gar nicht stimmen (Stichworte Akademiker werden bevorzugt, Technik ist schmutzig, …)

Catrin Mayerhofer-Trajkovski: Ich denke, schon ein klingenderer Name könnte Lehrberufen selbst zu mehr Attraktivität verhelfen. Wichtig sind aber auch die Maßnahmen, welche schon vor der Lehre ergriffen werden können. Wie zum Beispiel ausreichende Berufsorientierung. Zudem sollte die Möglichkeit einer Lehre nach der Matura mehr beworben bzw. attraktiver gemacht werden. In diesem Lebensabschnitt wissen die jungen Menschen meist schon eher was sie wollen und brechen daher auch nicht so schnell ab.

Welche der konkret von Ihnen angebotenen Maßnahmen sind am wirksamsten, um Lehrlinge (glücklich) ans Ende der Lehrzeit zu führen?

Robert Frasch (Lehrlingspower): Um Lehrlinge gut ans Ende der Lehrzeit zu führen, brauchen die Ausbilder und Betriebe niederschwellige und auf die eigenen Bedürfnisse abstimmbare Unterstützung durch Coaches und betriebsübergreifende e-Learning Angebote. Eine finanzielle Anerkennung für positive Lehrabschlüsse würde wahrscheinlich den einen oder anderen auch motivieren, die Ausbildung weiter zu verbessern.

Catrin Mayerhofer-Trajkovski: Es gibt nicht die eine Maßnahme oder Lösung, welche Abbrüche verhindern kann. Vielmehr ist es wichtig, mehrere wirksame Maßnahmen miteinander zu kombinieren, denn sie können nur als Ganzes wirken.

Gernot Schneebauer (HeartBeat):

  • Erwartungen und Ziele regelmäßig abklären
  • regelmäßiges Feedback geben – fachlich und persönlich. Den Lehrling als Mensch stärker in den Vordergrund rücken
  • Zusatzausbildung in Sozialer- und Selbstkompetenz für Lehrlinge
  • den Austausch unter den Lehrlingen fördern (intern wie branchenübergreifend)
  • Qualifizierung der Ausbildner im methodischen und pädagogischen Bereich
  • Ergänzung der analogen Ausbildung um den digitalen Aspekt
Wer muss Änderungen umsetzen, damit das System Lehre zu verbessern?

Robert Frasch (Lehrlingspower): Diese Verantwortung liegt in erster Linie bei den Unternehmen selbst. Natürlich wäre es schön, wenn die Politik Rahmenbedingungen schaffen würde. Aber aufgrund der derzeitigen – wohl noch länger anhaltenden – Prioritäten können die Betriebe nicht warten, bis das passiert. Wenn Betriebe sich zusammentun, zum Beispiel auf regionaler Ebene, dann sind rasche Lösungen möglich. Weil man die Öffentlichkeitsarbeit ebenso gemeinsam starten kann wie auch den Kontakt zu Schulen. So wie die Betriebe in der Region Himberg, die mit dem PTS Himberg höchst praxiswirksame Lösungen erarbeitet haben.

Lehrlingsausbildung der Zukunft: „was sind die Herausforderungen an Lehrbetriebe“?

Gernot Schneebauer (HeartBeat): Die Zukunft sehen wir in einer Lehrlingsausbildung mit Herz (Miteinander, Menschlichkeit, Leidenschaft) und Hirn (Leistung und Selbstverantwortung). Das Spannungsfeld zwischen Herz und Hirn wird aber immer größer. Die Gründe dafür liegen einerseits im Wertewandel der neuen Generationen Y und Z und andererseits im immer stärker werdenden Kosten- und Leistungsdruck der Unternehmen. Und daran, dass die unterschiedlichen Erwartungen und Wünsche wenig bis nicht kommuniziert werden bzw. nicht im Fokus sind.

Die größten Erwartungen der heutigen Jugendlichen an einen zukünftigen Lehrbetrieb sind: Spaß, Freude, kein/wenig Stress, nette Kollegen, gutes Klima, Respekt, akzeptiert werden, Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Zusammenhalt, Freundschaften, gut aufgenommen werden, interessante Arbeit, Unterstützung bei der Ausbildung und beim erklären (Geduld, Zeit). Dies sind lauter „Herz-Themen“, kommen also alle aus der Ecke der Soft-Facts.

Die Erwartungen der Unternehmen (Führungskräfte, Ausbildner, Mitarbeiter) an die Lehrlinge sind: Engagement, Einsatz- und Leistungsbereitschaft, Hausverstand, Kopfrechnen, sehr gute Deutschkenntnisse, soziale Kompetenz, Pünktlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit, Allgemeinbildung, Bereitschaft zum Lernen, reife und selbständige Persönlichkeiten. Dies sind lauter „Hirn-Themen“, also Hard-facts.

Wenn diese Werte unreflektiert aufeinandertreffen, führt dies unweigerlich zu Spannung und Unzufriedenheit – auf beiden Seiten. Das kann auch ein Grund dafür sein, dass immer mehr Lehrlinge ihre Lehre abbrechen. Und selbst wenn sie die Lehre durchziehen, werden sie wahrscheinlich das Unternehmen verlassen.

Wir brauchen beides – Herz und Hirn. Prof. Dr. Artur Wollert hat es sehr schön ausgedrückt: „Ohne Wirtschaftlichkeit schaffen wir es nicht – und ohne Menschlichkeit ertragen wir es nicht“

Die Herausforderung liegt darin, eine Balance zwischen diesen beiden Themenfelder zu finden. Anders ausgedrückt, es braucht eine lehrlingsgerechte Unternehmenskultur, wo beides Platz haben darf und kann. Die Erwachsenen der Generation X ist eher mit dem Leistungsfokus aufgewachsen. Für die neuen Generationen haben die Soft-Facts eine höhere Bedeutung. UND die Frage ist, wer lehrt sie Selbstverantwortung, leistungsorientiertes Denken und Handeln, Hausverstand etc? Im Elternhaus und in der Schule bekommen sie diese Dinge immer weniger vermittelt. Diese beiden „Erziehungsorte“ sind oft auch schlichtweg überfordert.

Tatsache ist, dass Lehrbetriebe immer stärker diese Funktionen übernehmen müssen, ob sie wollen oder nicht! Und dazu benötigt es neben einer entsprechenden Unternehmenskultur vor allem Lehrlingsausbildner, welche die notwendigen methodischen und pädagogischen Kompetenzen haben, um die Jugendlichen dabei unterstützen zu können. Und es braucht vor allem im gesamten Unternehmen das Bewusstsein und das Verständnis, dass Lehrlingsausbildung „wie früher“ nicht mehr funktioniert.

 



Die Gesprächspartner:


Gernot Schneebauer
Geschäftsführer

HeartBeat GmbH

www.heartbeat.co.at

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Robert Frasch
Founder

Lehrlingspower.at

www.lehrlingspower.at

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Mag.(FH) Catrin Mayerhofer-Trajkovski, MA
Geschäftsführung

Mayerhofer-Trajkovski

www.mayerhofer-trajkovski.at

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Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb

www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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