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JobTwins | Jobsharing nicht nur für junge Mütter

23Feb2023
7 min
Jobtwins, Jobsharing

HR-Know-how aus der Praxis für die Praxis

Inhalt

Was aus einer Idee von zwei jungen Müttern – eben auch für junge Mütter – entstand, erweist sich als Erfolgsrezept für weite Mitarbeitergruppen: JobSharing. Ein Interview mit Sigrid Uray-Esterer, Co-Gründerin von JobTwins.

Kürzlich plauderte ich bei einem HR-Event mit Sigrid Uray-Esterer. Sie war mitten drin, sich ausschließlich in die Selbständigkeit zu stürzen. Ihr Konzept der JobTwins klang spannend, sie sagt „Zwei Köpfe denken einfach mehr als einer und können deutlich produktiver und innovativer sein als nur eine Person.“ Und das, ohne von beiden Überstunden zu erwarten. Schnell war klar, dass wir dazu ein Interview zu HRweb führen werden.

INHALT

Interview

Interview-Partnerin: JobTwins

Sigrid Uray-Esterer ist Co-Founder der Jobsharing Plattform JobTwins und arbeitet seit Mitte 2021 gemeinsam mit Gründerin Katharina Miller am Aufbau und Ausbau von Jobsharing in Österreich. Die beiden Mütter von jeweils zwei Kindern sind überzeugt, dass Teilzeitarbeit nicht nur ein besseres Image verdient hat, sondern dass hier noch viele Potentiale unentdeckt sind, die es in Zeiten des Arbeitskräftemangels zu heben gilt.

www.jobtwins.work

Sigrid Uray-Esterer, Jobtwins, Jobsharing

Was ist JobTwins & wie kamt ihr auf die Idee?

JobTwins ist eine Plattform für Jobsharing und Karriere in Teilzeit. Hier finden Unternehmen hochqualifizierte Teilzeitkräfte, die ihnen bis dato verborgen blieben. Die Teilzeit Talente können sich mittels eines 3-stufigen Algorithmus mit Jobsharing Parntern „matchen“ lassen und sich gemeinsam auf alle Vollzeitstellen bewerben.

Die Idee kam JobTwins Gründerin Katharina Miller, als sie nach ihrem zweiten Kind feststellte, dass die beruflichen Perspektiven als „Teilzeit-Mama“ nur noch sehr eingeschränkt bzw. nicht mehr vorhanden waren. So haben wir uns auch getroffen. Ich habe mich nach meinem zweiten Kind ähnlich gefühlt und im Jahr 2020 einen Blog für berufstätige Mütter und dann einen Podcast „Der Teilzeitkarrieretalk“ gestartet. Im Zuge dessen habe ich Katharina zum Thema Jobsharing und Neues Arbeiten befragt. Wir haben festgestellt, dass wir ohnehin für die gleiche Sache kämpfen – nämlich (vor allem) Frauen trotz Kindern eine gute und vor allem ununterbrochene berufliche Karriere zu ermöglichen. Wir haben unsere Energien dann sozusagen gebündelt und arbeiten seit Frühjahr 2021 zusammen an JobTwins und der Etablierung von Jobsharing in Österreich und darüber hinaus.

Welcher Business Case steckt dahinter (wie finanziert ihr euch)?

Wir verdienen über die Unternehmen Geld. Die Userinnen können ihre Profile kostenlos anlegen, erhalten ihr Persönlichkeitsprofil und sogar das Matching mit möglichen Partnern gratis.

Die Unternehmen können sich ein Abonnement kaufen und so Zugang zu unserem Talente-Pool und zu möglichen JobTwins erhalten. Sie können bei uns alle Jobs posten, die sie in Teilzeit und Vollzeit mit Jobsharing Option anbieten. Bei uns treffen sie genau auf die hochqualifizierte Teilzeit-Community, die sie sonst nirgendwo adressieren können.

Auf der Plattform sollen sich Unternehmen und Talente selbst finden. Personalvermittler sind wir nicht. Wir unterstützen mit unserem Angebot aber die Teilzeit-Talente dabei, von Unternehmen gefunden zu werden. Und die Unternehmen, diese zu entdecken.

Wie sehen eure Ziele aus für die nächsten 3 Jahre?

Ganz groß zu werden und Jobsharing als ein nachhaltiges und gängiges Arbeitsmodell breitflächig zu etablieren. J Die Vision ist es, tatsächlich einen „Social Impact“ zu machen und den Arbeitsmarkt bzw. auch die Teilzeitarbeit zu revolutionieren. Wir wollen Teilzeitarbeit einen positiveren Anstrich verleihen und signalisieren, welche Potentiale im Arbeitsmarkt fast ungenutzt brachliegen.

Außerdem ist es uns sehr wichtig, dass mehr Frauen in höherwertige Positionen kommen und grundsätzlich Frauenanteile im Management erhöht werden. Wer sich mit der UN Agenda 2030 und den SDG (sustainable development goals) auseinandersetzt, weiß, dass das SDG 5 „Geschlechtergleichheit“ sagt, dass Frauen im privaten und beruflichen Kontext gleichberechtigt werden müssen. Auf beruflicher Ebene geht das mit Jobsharing.  

Wer ist die typische Zielgruppe von JobTwins?

Die Chancen und Potentiale des Modells sind riesig, denn sie beschränken sich nicht nur auf Mütter – die zugegebenermaßen momentan den größten Schmerz in unserem aktuellen System erleiden. Stichwörter: Teilzeitfalle und Altersarmut. Unsere wichtigste Zielgruppe sind hochqualifizierte Frauen und Mütter (oder besser sogar: Eltern). Diese sollen durch Jobsharing ihre Karrieren weiterverfolgen können und beim eventuellen Wiedereinstieg von der Teilzeitarbeit in die Vollzeit keine Probleme mehr haben.

Jobsharing bietet aber auch jungen Menschen – die nicht mehr so viel arbeiten möchten wie die Vorgängergenerationen – die Möglichkeit, mit weniger Stunden gemeinsam mit einem Twin oder Tandempartner einen hochwertigen und verantwortungsvollen Einstieg in die Berufswelt zu schaffen. Außerdem wollen wir die älteren Arbeitnehmer nicht vergessen. Auch Altersteilzeit bietet eine hervorragende Anwendung für das Jobsharing-Modell.

Siehst du eine unterschiedliche Nachfrage je nach Alter / Generation?

In unserem Fall erreichen wir momentan durch unsere Marketing Maßnahmen die Frauen und Mütter am besten. Allerdings stellen wir fest, dass fast ein Viertel aller Registrierungen auf unserer Website von Menschen erfolgt, die zwischen 1-5 Jahre Berufserfahrung haben. Sprich, es bestätigt sich, was man über die Gen Z sagt: die jüngeren Menschen fragen deutlich mehr Teilzeit nach und suchen aktiv nach Alternativen zur Vollzeit.

Ältere Beschäftigte anzusprechen ist nicht so einfach, da treffen wir häufig auch noch mehr Zurückhaltung für das innovative Arbeitsmodell als bei Jüngeren. Das liegt wohl an unseren „österreichischen“ Strukturen und daran, dass wir durchaus ein sehr konservatives Land sind.

Aber wir sind guter Hoffnung, dass einerseits durch die Notwendigkeit und andererseits einfach durch den Lauf der Zeit viel mehr Offenheit für Neues Einzug bei uns halten wird.

Twin-Matching: In welchen Parametern müssen sich die Twins matchen?

Wie schon oben erwähnt, müssen die User einen durchaus anspruchsvollen Prozess durchlaufen, wenn sie sich bei uns anmelden. Es wird Berufserfahrung mit Gehalts-und Stundenwünschen angegeben. Danach folgt ein Persönlichkeitstest auf Basis des BigFive © Modells, sowie der Twinning Check, der aussagen soll, wie zB kompromiss-und teamfähig man wirklich ist.

Das Allerwichtigste am Jobsharing ist sozusagen der „Personal Fit“ der Twins. Wie gut können sie miteinander arbeiten, wie flexibel sind sie in ihrer Zusammenarbeit, wie gut können sie Konflikte miteinander lösen?

Ein „Scoring-Wert“ sagt einem nach der Registrierung mit welchen möglichen Twins man wie gut zusammenpassen könnte. Es passen schließlich auch im beruflichen Kontext mehrere Deckel auf einen Topf. Mit den möglichen Partnern kann man sich auf der Plattform in Verbindung setzen und sich kennenlernen. Wir unterstützen mit Informationen und Materialien auf der Website den Prozess, sodass sich die JobTwins am Schluss zu zweit auf eine Vollzeitstelle bewerben können.

Es sei aber erwähnt, dass Jobsharing nicht für jedermann geschaffen ist. Ein ausgeprägtes Ego hat bei einer solch engen Teamarbeit einfach keinen Platz. Dafür inspirieren sich die beiden gegenseitig und entwickeln sich natürlich durch den Input des jeweils Anderen kontinuierlich weiter.

Erhöhtes Konfliktpotential herrscht dann vor, wenn die Twins nicht gut „gematcht“ sind. Es ist essentiell, dass die Personen auf persönlicher Ebene und bei den Wertvorstellungen bzw. Arbeitsweise zusammenpassen. Sonst kommt es mit Sicherheit zu mehr Konflikten, die das Modell im schlimmsten Fall zum Misserfolg führt.

Grundsätzlich gilt, Transparenz und offene Kommunikation auf allen Ebenen ist das Erfolgsrezept für Jobsharing.

Was bringt den Unternehmen die Einführung von Jobsharing?

Beim Jobsharing ist es so, dass durch den Input und Ideen von zwei Menschen die Innovationskraft und auch die Produktivität auf der Position steigt. Auch der mentalen und physischen Gesundheit ist das Modell zuträglich, denn hier arbeite ich in „echter“ Teilzeit und die Überstunden sind gering gehalten. Denn die Geschäftszeiten und das Arbeitspensum wird von zwei Personen abgedeckt.

Weiters ist die Vertretung ein wichtiger Faktor, denn im Urlaubs – bzw. Krankheitsfall des Tandempartners ist immer noch eine (Teilzeit)Kraft verfügbar.

Im Falle einer Kündigung oder Beförderung wird der Wissensverlust verhindert, denn die zweite Person kann Onboarding und Übergabe an neue Beschäftigte direkt übernehmen.

Kostet Jobsharing nicht viel mehr? Und was sind die Herausforderungen des Modells?

Natürlich gibt es auch Schatten, wo die Sonne scheint.

Für zwei Beschäftigte auf einer Position muss das Unternehmen zwei Handys und zwei Laptops zur Verfügung stellen. In Zeiten von „Shared Desk Policies“ braucht man aber oftmals nicht einmal mehr zwei Arbeitsplätze. Und im Normalfall arbeiten die JobTwins nicht zeitlich übergreifend, sondern ergänzend – das heißt, sie teilen sich die Geschäftszeiten und sind nur zu Übergaben gleichzeitig im Büro.

Die Lohnnebenkosten von zwei Teilzeitkräften auf eine Vollzeitstelle – sofern die Stundenanzahl die gleiche bleibt – sind für zwei Personen gleich wie für eine Person. Aufgrund unseres progressiven Steuersystems erhalten zwei Teilzeitarbeitende netto sogar am Ende mehr, als eine Vollzeitkraft in Summe beim gleichen Bruttobetrag erhält.

Es bleibt zu erwähnen, dass für Übergaben und Abstimmungen ca. 10-15% mehr Stunden für die Vollzeitstelle berechnet werden sollten, was Mehrkosten verursacht.

Weshalb sollte eine Führungs-Rolle (in Summe) unbedingt Vollzeit besetzt sein? Wäre es nicht einfacher, 2 voneinander unabhängige Teilzeit-Stellen zu besetzen (zB 20 Std Führungskraft + 20 Std Arbeitskraft für bspw den operativen Teil)? Wie sieht eure Erfahrung bei JobTwins aus?

Einer der großen Vorteile von Jobsharing – in diesem Fall Topsharing oder Shared Leadership – ist es, dass einer Person die große Verantwortung und alleinige Entscheidungslast von den Schultern genommen wird. Das zählt in Zeiten von Burn Out und mentaler Belastung zu einem der wichtigsten Argumente für das Teilen eines Jobs. Wenn beide Parteien gleichermaßen verantwortlich sind, lastet nicht alles auf einem. Das kann einem durch eine Assistenz auch nicht abgenommen werden. Zusätzlich dazu vertreten sich die beiden Twins gegenseitig, somit ist auch in Urlaubs- und Krankenstandszeiten immer jemand da und erreichbar. Leider verlangen wir von unseren Führungskräften immer noch quasi ununterbrochene Erreichbarkeit – das lässt sich im „shared model“ wunderbar aufteilen.

Kürzlich erscheinen hier auf HRweb 2 Artikel von Sigrid, um JobSharing unter die Lupe zu nehmen:

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