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Angenommen, ein Team arbeitet zu 20-80 % im Home Office. Wie steht es um die Gesundheit der Mitarbeitenden? Wie kann sich das Unternehmen hier einbringen? Kann und muss es das überhaupt? In einem Experten-Interview bitte ich um Erfahrungen und Best Practices.

Ja, 20-80% ist eine große Spanne. Doch darum geht es mir im heutigen Experten-Interview nicht. Viel mehr möchte ich herausfinden, welche Möglichkeiten Unternehmen haben. Ein Großteil der Computer-Arbeitsplätze sind zu irgendeinem mehr oder weniger großen Anteil nach wie vor (und auch künftig) in Home Office bewerkstelligbar (welch Wort!) Und dieser Anteil liegt eben irgendwo zwischen „etwas“ und „fast ausschließlich“ Home Office – eben bei 20-80%.

Experten-Interview

Corporate Health, Chronotypen

Links der HR-Branche Corporate Health

Wie gehen Unternehmen Ihrer Erfahrung nach aktuell mit Gesundheit im Home Office um? Welche Erfahrungen haben Sie im vergangenen Jahr gemacht?

Mag. Dr. Birgitt Espernberger (ASZ): Zu unterscheiden ist aus meiner Sicht die Eigenverantwortung des Mitarbeitenden und die Verantwortung des Unternehmens bezüglich der eigenen Gesundheit. Bewusstsein schaffen und Sensibilisierung rücken somit in den Fokus. Sowohl Unternehmen als auch Mitarbeitende nehmen sich dieser Themen immer mehr an und buchen bzw. besuchen Workshops, Vorträge und Beratungen.

Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, MSc (E.S.B.A.): Resilienz ist ein Thema, mentale Stärkung, auch die zunehmende Angst vor Unvorhersehbarem und Veränderungen. Die zunehmende soziale Isolierung, die unterschiedlichen Arbeitszeiten und Erreichbarkeiten machen Schwierigkeiten. Das Work-Life-Blending macht zu schaffen, die Anpassung an Leading in Distance und das Fehlen des informellen F2F-Austauschs im Büro. Manche Unternehmen registrieren dies auch und bieten sehr gerne individuelle Coaching-Unterstützung an, ebenso Resilienz online Veranstaltungen oder Workshops zur Selbststrukturierung.

Setzen nun mit vermehrtem Home Office auch Unternehmen auf Gesundheits-Lösungen am Heim-Arbeitsplatz, die es vor 3 Jahren noch nicht taten?

Mag. Dr. Birgitt Espernberger (ASZ): Auf alle Fälle haben aufgrund der Erfahrungen Unternehmen auf Home-Office Lösungen reagiert. So werden zB. Webinare für Mitarbeitende angeboten, die sich mit Gesundheitsaspekten wie Entgrenzung, Pausengestaltung, Ergonomie, Ernährung etc. im Home-Office beschäftigen.

Ist es mit vermehrtem Home Office überhaupt noch so sehr Aufgabe des Arbeitgebers, sich um Gesundheit zu kümmern – die Mitarbeitenden sind nun ohnehin freier in ihrer Lebens-Gestaltung?

Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, MSc (E.S.B.A.): Die Fürsorgepflicht endet  nicht im Home Office. Dafür müssen transparente Regelungen getroffen werden. Freie Lebensgestaltung ist unter Berücksichtigung der jeweiligen Lebenslagen (wie z.B, Wohnverhältnisse, Erziehung oder Pflege von Angehörigen etc.) mehr oder weniger möglich, und kann im letztgenannten Fall zu einer noch größeren Belastung führen, wie wir es während der Pandemie v.a. bei weiblichen Mitarbeitenden erlebt haben. Ebenso erfüllt nicht jeder Telearbeitsplatz in den eigenen vier Wänden ergonomisch vorgeschriebene Voraussetzungen.

Worin hakt es am meisten, wenn es um den physischen Arbeitsplatz zu Hause geht? Wie kann & soll das Unternehmen hier lenkend / strikt agieren?

Mag. Dr. Birgitt Espernberger (ASZ): Es geht darum, die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden zu stärken, damit die Mitarbeitenden die Verantwortung für Ihre Gesundheit übernehmen. Unternehmen sollten das Wissen den Mitarbeitenden mittels Seminaren, Infoblättern und Gesprächen vermitteln.  Die Umsetzung aber obliegt der eigenen Person. Kontrolle wäre hier aus meiner Sicht kontraproduktiv.

Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, MSc (E.S.B.A.): Unternehmen tragen zwar die Verantwortung dafür Arbeitenden ergonomische Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, dürfen jedoch nicht in deren privaten Lebensbereich eingreifen.
Bessere Unterweisung und Information zu den Mindestanforderungen oder eventuell eine Musterevaluierung wäre hilfreich, um die Kenntnisse von ergonomischen Normen wie z.b. klimatische, akustische, visuelle Belastungen sowie das Vorhandensein ausreichender Arbeitsflächen zu erhöhen. Viele wissen zu wenig darüber, woran sie denken müssten oder was sie eigentlich bräuchten. Ebenso ist in vielen Firmen noch immer nicht geklärt oder transparent kommuniziert, wie hoch die Beteiligung bei kostenintensiveren Anpassungen eines Telearbeitsplatzes, wie etwa Beschattung an Fenstern, Arbeitstische,  Bürostühle sowie häufig auch zweiter oder dritter Monitor ist. Viele Mitarbeitende trauen sich auch gar nicht zu fragen, sondern investieren hier selbständig ohne jedwede Firmenbeteiligung.

Fallen Ihnen spontan Best Practices ein, die Sie in Unternehmen wahrgenommen haben? Erzählen Sie davon!

Mag. Dr. Birgitt Espernberger (ASZ): Spontan fällt mir ein Unternehmen ein, welches zuerst den Mitarbeitenden den Entscheidungsspielraum gegeben hat, die Arbeitsvariante selbst zu wählen. Jene, die sich für die Nutzung der Home-Office Variante entschieden haben, erhielten zB. einen höhenverstellbaren Tisch und entsprechendes Equipment für die Ausstattung des Home-Offices.

Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, MSc (E.S.B.A.):

  • Klare Unterweisung ergonomischer Arbeitsplatzgestaltung und das zur Verfügung stellen geeigneter Bezugsquellen für Bürostühle, höhenverstellbarer Tische, Monitore etc. mit transparenter Kommunikation der Firmenbeteiligung und welcher Selbstbehalt zu tragen ist.
  • Sensibilisierung und Inputs (Keynotes, Workshops), welche Fallen im Home Office lauern (Präsentismus, Work-Life-Blending, Autonomieparadox, fehlendes Pausenmanagement, Lärmbelästigung, Selbstausbeutung und Workload u.v.a.m.)
  • Führungskräften mit ihren Mitarbeitenden größtmöglich flexiblen Spielraum mit ihren Teams im Rahmen der betrieblichen Home Office Regelung ermöglichen. Das erfordert andererseits jedoch auch wieder soziale und emotionale Intelligenz sowie Fingerspitzengefühl mit Hausverstand seitens Führungsverantwortlicher. Langfristig erweist sich eine adaptive Home Office Regelung als großer Motivationsfaktor und Engagement-Verstärker.
  • differenzierte Aufgabendefinition für Remote- und Office-Aufgaben sowie klare Kommunikation darüber, welche Bedeutung es für die jeweilige Rollendefinition hat.

Gesundheit im Home Office | Aus Erfahrung geplaudert

Die Interview-Partner

Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, MSc

Tomaschek-Lipiarski

Mag. Dr. Birgitt Espernberger

Brigitt-Espernberger, ASZ
Mag. Eva Selan, MSc | HR-Redakteurin aus Leidenschaft

Theoretischer Background: MSc in HRM & OE. Praktischer Background: HR in internationalen Konzernen und KMUs in Österreich und den USA.
Nach der Tätigkeit beim Print-Medium Magazin TRAiNiNG als Chefredakteurin, wechselte sie komplett in die Online-Welt und gründete Ende 2010 das HRweb.

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