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Modernes Arbeitszeitmodell: Vollzeitnahe Teilzeit

Das Thema der Teilzeitarbeit war nie präsenter denn jetzt. Aus Unternehmersicht wohl schon aufgrund der Tatsache, dass es eine Elternteilzeitregelung gibt, mit der viele Unternehmen kämpfen. Aus Mitarbeitersicht aufgrund des Wunsches nach einer besseren Vereinbarkeit – nicht unbedingt, aber oft, wegen Betreuungsverpflichtungen. Für viele Unternehmer ist das Thema Teilzeit ein Reizwort. Und doch gibt es gute Möglichkeiten, die Interessen der Beschäftigten und der Unternehmen zu erfüllen. Vollzeitnahe Teilzeitbeschäftigung ist eine davon.


Das Modell

Vollzeitnahe Teilzeitbeschäftigung beschreibt ein Arbeitszeitmodell, bei dem die Arbeitszeit auf maximal 34 Stunden vermindert wird. Es handelt sich also – wie ja der Name schon sagt – um eine Teilzeitvariante, die einer Vollzeitbeschäftigung schon sehr nahe kommt. Tatsächlich ist diese Variante den meisten Unternehmen fremd. Nur die allerwenigsten bieten ihren Beschäftigten solche Möglichkeiten an.

„Was soll denn das bringen? Da kann man ja gleich Vollzeit arbeiten“ ist dann oft die Frage. Nun ja, auf den ersten Blick scheint eine solche Beschäftigungsform unnütz, bei genauerem Hinsehen aber lassen sich zahlreiche Vorteile für Unternehmen und Mitarbeiter erkennen.


Was vollzeitnahe Teilzeit alles bringen kann

Viele Unternehmen haben Angst, teilzeitbeschäftigten Mitarbeitern tatsächlich anspruchsvolle Aufgaben zu geben – etwa eine Führungsposition. Zu sehr fürchtet man, dass eine solche Aufgabe in einem 20- oder 25-Stunden Dienstverhältnis nicht zu bewältigen ist. Und in der Tat, jeder der so etwas bereits gemacht hat, berichtet, dass eine solche Anstellung große Herausforderungen an das eigene Zeitmanagement stellt.

Aus Sicht des Unternehmens ergeben sich folgende Vorteile:

  • Vollzeitnahe Teilzeitbeschäftigung ermöglicht es auch Mitarbeitern mit Betreuungsverpflichtungen oder anderen Interessen, trotzdem anspruchsvolle Tätigkeiten zur Zufriedenheit des Unternehmens zu übernehmen. Mehr Potenzial der Mitarbeiter kann genutzt werden – vor allem der Mütter.
  • Mitarbeiter mit einer solchen Anstellungsform haben mehr Möglichkeiten, Zeiten, die sie für private Themen brauchen, auszugleichen und sind so motivierter und leistungsfähiger.
  • Die Kosten für Mehrstunden sind bei Teilzeitkräften mit dem Faktor 1,25 zu bewerten, daher sind Überstunden von Teilzeitkräften teuer. Bei vollzeitnahen Teilzeitverhältnissen trifft das nur auf die wenigen Stunden bis zur Normalarbeitszeit zu, dann gilt das gleiche wie bei Vollzeitbeschäftigten (Faktor 1,5 für Überstunden).
  • Stellen von Mitarbeitern, die einer vollzeitnahen Teilzeitbeschäftigung nachgehen, müssen nicht mühsam und kostspielig nachbesetzt bzw. aufgefüllt werden. Mitarbeiter in anspruchvollen, schwer zu besetzenden Positionen können in diesen bleiben und haben trotzdem Möglichkeit, ihren außerberuflichen Verpflichtungen nachzukommen.
  • Vollzeitnahe Teilzeitbeschäftigung kann als „lebenphasenorientiertes Arbeitszeitmodell“ eingesetzt werden, also kommt beispielsweise temporär zum Tragen, wenn Mitarbeiter plötzliche Pflegeverpflichtungen haben, die mehr Zeit in Anspruch nehmen.
  • Arbeitszeiten können geblockt werden auf 4 Tage, so besteht die Möglichkeit, weg zu kommen von den üblichen 9-13-Uhr-Modellen.
  • Vollzeitnahe Teilzeit ist ein sehr taugliches Modell, um erfahrene, langgediente Mitarbeiter länger im Unternehmen zu halten und trotzdem nicht zu überfordern.

Für Mitarbeiter zeigen sich zudem folgende positive Aspekte:

  • Mitarbeiter in vollzeitnaher Teilzeitbeschäftigung können auch anspruchsvolleren Tätigkeiten nachgehen, ohne sich selbst „zerfransen“ zu müssen – dadurch steigt die Motivation und auch Loyalität.
  • Zeiten können zB auf 4 Tage geblockt werden.
  • Der Druck, Überstunden zu machen, ist häufig bei Teilzeitkräften weniger stark als bei Vollzeitkräften, von denen man erwartet, dass sie jedenfalls Überstunden machen.
  • Kürzere Tagesarbeitsdauern erfordern weniger Pausen (Studien zeigen, dass Teilzeitkräfte länger konzentriert durcharbeiten, da sie wissen, dass sie weniger Zeit haben und dafür früher nach Hause gehen können).
  • Vor allem Mütter haben so eine Möglichkeit, wieder in adäquate Positionen zu kommen.
  • Vollzeitnahe Teilzeit ermöglicht eine bessere Work-Leisure-Balance, ohne komplett ausbrechen zu müssen.
  • Vor allem ältere Arbeitnehmer oder Menschen mit zB Pflegeverpflichtungen können so wertvolle Arbeit leisten ohne einer Seite gegenüber ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Wie ist es jetzt und was muss passieren, dass…

Der Wunsch nach Teilzeitbeschäftigungen – in anspruchsvollen Positionen wohl gemerkt – war nie größer als heute und wird sich in den kommenden Jahren eher noch steigern. Derzeit ist eine vollzeitnahe Beschäftigung aber eher noch die Ausnahme. Von 1.031.000 Teilzeitbeschäftigten im 4. Quartal 2010 haben nur knapp 50.000 eine Arbeitszeit gehabt, die zwischen 35 Stunden und der Normalarbeitszeit liegt (Quelle: Statistik Austria). Immerhin über 432.000 Beschäftigten gehen einer Tätigkeit im Ausmaß von 25-35 Stunden nach.

Die unzähligen Möglichkeiten, die Menschen heutzutage haben, ihre Zeit zu verbringen bzw. Geld zu verdienen, wollen von vor allem einer jungen Generation am Arbeitsmarkt genutzt werden. In Unternehmen ist das Bewusstsein über die Wichtigkeit einer guten Vereinbarkeit oder Work-Leisure-Balance derzeit noch nicht überall vollkommen eingezogen. Dennoch lässt sich an der medialen Präsenz erkennen, dass sich die Unternehmer mehr denn je mit flexiblen Arbeitszeitformen und Vereinbarkeitsthemen auseinander setzen. Mit einem steigenden Bewusstsein über die Notwendigkeit der Erholung und des Ausgleich und dem Anerkennen von Betreuungsverpflichtungen als wichtige und lobenswerte Tätigkeit, werden die Angebote steigen. Die Technologie tut ihr übriges dazu. Nie war es leichter dezentral zu arbeiten oder nicht da zu sein und trotzdem präsent zu sein. Arbeit ist im Fluss – zur Zeit vielerorts noch ein plätscherndes Bächlein, in einigen Jahren wahrscheinlich ein reißender Strom.

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