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4 Methoden der Selbstreflexion | Ein Blick zurück, um nach vorne zu sehen

Die Zeit des Jahreswechsels ist stets von Rückblicken geprägt: Unternehmen erstellen Bilanzen, verfassen Jahresberichte und definieren gleichzeitig Ziele für das kommende Jahr. Diese Phase bietet auch eine gute Möglichkeit für die Selbstreflexion, um eigenes Handeln und eigene Muster zu überdenken, Ressourcen zu erkennen sowie Maßnahmen für die Zukunft abzuleiten.

Autorin: MMag. Sigrid Maxl-Studler

Die meisten Menschen führen Selbstbeobachtungen und Selbstreflexion durch, denken aber gemäß Siegfried Greif sporadisch und sehr kurz über sich nach, reflektieren nur besonders auffällige Merkmale. Nur wenige Personen durchlaufen eine umfassende, ganzheitliche Selbstexploration oder methodische Selbstanalyse, die systematisch strukturiert zu praktisch umsetzbaren Ergebnissen führt. Doch was versteht man eigentlich genau unter Reflexion?

Über sich selbst reflektieren

Das Wort „Reflektieren“ hat lateinischen Ursprung und bedeutet so viel wie rückwärtsbiegen oder wenden. Menschen drehen sich daher bildhaft gesprochen zurück und nehmen eine Metaperspektive ein. Unter Selbstreflexion versteht man das Vermögen, das eigene Verhalten möglichst neutral wahrzunehmen und analysieren zu können, um daraus Schlüsse für das weitere Vorgehen zu ziehen. Das bildet den Grundpfeiler für selbstbestimmtes Lernen und Weiterentwicklung. Im Idealfall führt die persönliche Reflexion daher zu mehr Kontrolle über das eigene Verhalten, einer Steigerung der Eigenverantwortung für das eigene Denken und Handeln und optimiert die Effizienz von Verhaltensweisen. Dieses psychische Phänomen ist übrigens nur Menschen – nicht etwa Tieren – zu eigen.

Jedoch ist Selbst-Reflexion nicht immer nur nützlich und förderlich. Es gibt auch Menschen, die zu viel über sich selbst grübeln und zu wenig zielgerichtet handeln. In einer Erhebung über die Zeitdauer von Selbstreflexion im Alltag von Cornelia Berg gab eine Person an, jede Woche etwa 30 Stunden über sich selbst nachzudenken. Wichtig ist es daher, krankhafte Übertreibung zu vermeiden. Darüber hinaus meint Reflexion nicht, sich nur auf eigene Fehler zu konzentrieren. Gerade in stürmischen Zeiten kann es sehr hilfreich sein, sich auch der eigenen Stärken und Erfolge gewahr zu werden.

4 Methoden der Selbstreflexion

Die nachfolgend aufgezeigten Fahrpläne und Methoden sollen dazu dienen, eine zielgerichtete Selbstreflexion zu unterstützen, um positive Veränderungen zu bewirken.

Methode 1: Reflexionsspirale

Die Reflexionsspirale ist ein Modell, das auf einen Ansatz von Terry Borton zurückgeht. Dabei erfolgt das Reflektieren in drei Stufen und kann nach jeder Runde wiederholt werden. Die Erkenntnisse aus der Vorrunde werden somit, gleich einer Spirale, weiter vertieft.
Der erste Schritt befasst sich mit dem Zurückschauen und der Frage „Was ist passiert?“. Im zweiten Schritt folgt die Analyse und Interpretation dessen: „Welche Vor- und Nachteile ergaben sich daraus?“. Der dritte Schritt gilt dem Blick in die Zukunft: „Welche Maßnahmen und Planungsschritte nehme ich daraus mit?“, „Welches konkrete Ziel nehme ich mir als Nächstes vor?“.

Vorsicht sei geboten, regelmäßig dasselbe Thema aufzugreifen oder eine zu starke Defizitorientierung vorherrschen zu lassen.

Methode 2: Filtermodell

Das Filtermodell von Simon Priest und Michael A. Gass wird im Original „Funneling“ genannt und besteht aus sechs Stufen bzw. Ebenen. Der Rückblick geschieht in diesem Fall zuerst rational, dann emotional. Diese Methode empfiehlt sich daher bei Aktionen, die nicht emotional aufreibend waren.

  • Ebene 0 befasst sich mit der Wiederholung bzw. der Frage: „Was ist (im vergangenen Jahr) geschehen?“.
  • Ebene 1 geht der Erinnerung nach: „Was ist gut und was ist schlecht gelaufen?“.
  • Die Ebene 2 widmet sich dem Bewusstmachen der Gefühle: „Welches Gefühl hatte ich dabei?“.
  • Ebene 3 dient der Zusammenfassung des Gelernten mit der Frage: „Was kann ich aus dieser Aktion und Reflexion lernen?“.
  • Die Ebene 4 stellt schließlich Analogien und Transfer her: „Welche Verbindung sehe ich zwischen der vergangenen Erfahrung und meinem zukünftigen Alltag?“.
  • Ebene 5 dient schließlich der Sicherung und der Formulierung der konkreten Verhaltensänderung: „Was werde ich konkret verändern? Wer oder was kann mir (wie) dabei helfen?“.

Methode 3: SWOT-Analyse

Eine sehr gängige Methode der Harvard Business School zur Diagnose von Systemen ist die SWOT-Analyse. Diese lässt sich ebenso für die persönliche Standort-Bestimmung heranziehen. Das englische Akronym steht für Strenghts (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen) und Threats (Risiken). Demnach beantwortet man für sich selbst die Fragen: Was sind meine persönlichen Stärken, meine Schwächen und welche externen Chancen und Risiken sind erkennbar?

Methode 4: Vergangenheitsabschnitte verbildlichen

Wer sich dem Thema Jahresrückblick gerne grafisch nähert, der kann auch zu Papier und Bleistift greifen. Auf einer Zeitachse lässt sich so der Jahresverlauf mit Höhen und Tiefen darstellen. Im nächsten Schritt gilt es, folgenden Fragen nachzugehen: „Welche Ereignisse oder Abschnitte gab es, die eine ganz besondere Bedeutung hatten?“, „Was waren die Ursachen für die jeweiligen Höhen und Tiefen?“, „Was lässt sich aus den positiven, aber auch weniger erfreulichen Ereignissen lernen bzw. für die Zukunft ableiten?“ und „Welche Stärken habe ich durch weniger erfreuliche Ereignisse dazugewonnen?“.

Im Rahmen der Selbstreflexion insgesamt wichtig ist, die Aufmerksamkeit von möglichen Problemen der Vergangenheit auf Ressourcen (z.B. eigene Stärken oder unterstützende Kollegen) und neue Ideen zu lenken. Der Blick wird daher lösungsorientiert auf die Zukunft gerichtet, um wieder neue, erreichbare (Zwischen-)Ziele zu formulieren. Wer den Jahreswechsel oder einen anderen Zeitpunkt dazu nutzt, Vergangenes zu reflektieren, dem sei auch eine schriftliche Dokumentation im Sinne der Ergebnissicherung empfohlen. So können auch Vergleiche mit nachfolgenden Reflexionsprozessen gezogen werden. Diese Fähigkeit, aus einer Vergangenheitsbetrachtung auf neue Ideen zu kommen mit der Bereitschaft diese auszuprobieren, ist letztlich die Kompetenz, sich selbst zu coachen.


Literatur

  • Friebe, J. (2012): Reflexion im Training. Aspekte und Methoden der modernen Reflexionsarbeit, managerSeminare Verlag, Bonn.
  • Greif, S. (2008): Coaching und ergebnisorientierte Selbstreflexion, Hogrefe Verlag, Göttingen.
  • Prettenhofer, A. (2014): Den Blick auf sich selbst richten – Instrumente zur Selbstreflexion für Studierende, in: Egger, R., Kiendl-Wendner, D. & Pöllinger, M. (Hrsg.): Hochschuldidaktische Weiterbildung an der Fachhochschule. Durchführung, Ergebnisse, Perspektiven, VS Verlag 2014
  • Püschel, E. (2010): Selbstmanagement und Zeitplanung, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn.
  • Studt, J. (2010): Persönliches Change Management. Neue Berufswege erschließen, planen und gestalten, Gabler, Wiesbaden
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