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Wie sich ein Süßwasser-Fisch im Ozean zurechtfindet

Experten-Interview: interkulturelle Trainings

Der Süßwasserfisch schwimmt, alles scheint gleich: nass, Pflanzen, andere Tiere, … aber irgendwie ist alles anders. Das ist der Ozean! Unbekanntes Terrain!
Einem Europäer in Asien mag es ähnlich ergehen: alle sprechen englisch, internationales Flair, alles wie immer, doch die kulturellen Eigenheiten schlummern empfindlich nah an der Wasseroberfläche.

Mein heutiges Thema: Interkulturelle Trainings. Die Experten-Runde diskutiert über den Sinn und über länderspezifische & zielland-unabhängige Trainings.

Ein interkulturelles Training geht oft davon aus, primär kulturelle Offenheit zu fokussieren – unabhängig vom konkreten Zielland. Was halten Sie davon?

Dr. Karin Schreiner (Intercultural Know How): Offenheit für andere Kulturen ist die Voraussetzung für die Entwicklung von interkultureller Kompetenz. Wenn ich nicht offen und neugierig für andere Kulturen und Menschen aus anderen Ländern bin, dann sollte ich nicht beruflich ins Ausland gehen. Indem ich offen für andere Kulturen bin, nehme ich mich selbst zurück und bin bereit, andere Sichtweisen und Werthaltungen anzuerkennen. Dies ist die Basis für ein kulturelles Bewusstsein.

Chris Fuchs (Kick Off): Das ist eine großartige Idee und ich mache das monatlich sicherlich mind. 3-mal. Zusätzlich ist es wichtig, Praxisbeispiele für die Länder zu haben, welche die Seminargruppe interessieren, weiters die 5-6 wichtigsten kulturellen Dimensionen zu behandeln und mit Beispielen zu hinterlegen. Die Trainer müssen für diese Art von Seminar sehr viel internationale Erfahrung haben. Leider sind hier sehr viele Leute am Werk, die praktisch keine Erfahrung haben – sorry, Urlaub zählt nicht. Diese Art von Seminar ist die Grundlage für spätere 1-tägige länderspezifische Workshops.

Mag. Monika Huemayer (Berlitz Austria): Ich bin überzeugt davon, dass Weltoffenheit, interkulturelles Verständnis, Toleranz und Anpassungsfähigkeit die neuen Soft Skills sind, die Mitarbeiter jedes Unternehmens brauchen. Wer im Team arbeitet, muss kulturell offen sein, denn nur weil ich als Österreicherin mit einem anderen Österreicher zusammenarbeite, haben wir noch lange nicht den gleichen kulturellen Hintergrund.

Wie sieht so ein Zielland-unabhängiges Training aus? Welche Inhalte, welche Ziele hat es?

Dr. Herbert Strobl, MC (Strobl coaching & consulting): Ein erstes wesentliches Element ist die Bewusstmachung der Prägungen der eigenen Kultur, die man im Normalfall nicht einmal mehr wahrnimmt („der Fisch im Wasser kann auch nicht sagen, was es bedeutet, nass zu sein“). Erst danach geht es um die Frage: Wer sind die anderen? Dabei sollten an Hand von konkreten Beispielen die verbalen und non-verbalen Fettnäpfe genauso angesprochen werden wie die wertfreie Offenlegung von gegenseitigen Zuschreibungen und Vorurteilen. Idealerweise gehen kulturelle Trainings Hand in Hand mit einem (Basis)Sprachkurs in der jeweiligen Ziellandsprache, da Englisch als gemeinsame Corporate Language sehr oft zu wenig „Kulturkleber“ bereitstellt.

Daniel Auwermann (ICUnet.AG): Wir haben in einer Studie festegestellt, dass es für das Top Management eines Unternehmens heute mehr als 15 Kontaktpunkte pro Tag mit anderen Kulturen gibt. Um diese Zusammenarbeit möglichst nachhaltig zu gestalten, ist es von zentraler Bedeutung, dass die Kooperation und Kommunikation auch über Ländergrenzen hinweg möglichst effizient und effektiv stattfindet. Ein Zielland-unabhängiges, interkulturelles Awarenesstraining sensibilisiert für interkulturelle Unterschiede, schafft Offenheit und Verständnis für die eigene Kultur bzw. künftige Kontakte mit fremden Kulturen und fördert zudem die interkulturelle Handlungskompetenz.

Mag. Monika Huemayer (Berlitz Austria): Ein interkulturelles Training – egal ob länderspezifisch oder Zielland-unabhängig – muss immer von der eigenen Kultur ausgehen. In einem Berlitz-Training steht uns dafür ein Assessment zur Verfügung, der Cultural Orientation Indicator (COI)®. Der COI® stellt die persönlichen Arbeitspräferenzen, unsere Denk- und Handlungsweisen, sowie deren Einfluss auf unser Verhalten im Berufsleben in 10 verschiedenen Dimensionen dar. Das ist eine wertfreie, analytische Evaluierung. Kultur ist nie schlecht oder gut, Kultur ist einfach. Mit Hilfe des COI® lernen Teilnehmer eines Trainings sich selbst kennen und erfahren, welche Optionen sie haben, um Kommunikation und Handeln der jeweiligen Situation oder einer anderen Kultur anzupassen. Es kann nie Ziel sein, seine eigenen Werte aufzugeben, aber ein interkulturelles Training sollte immer zum Ziel haben, die Fähigkeit zu vermitteln, kulturelle Unterschiede zu erkennen und adäquat darauf reagieren zu können. Interne Abläufe werden vereinfacht, Synergieeffekte erkannt und Projekte können effizienter und rascher zu einem erfolgreichen Abschluß geführt werden.

Dipl.-Ing. Roman Hartl (Primas Consulting): INHALTE: Kultur – was ist das? Erkenntnis: Was ist MEINE Kultur. Daraus folgt meist automatisch eine Diskussion, da hier schon Unterschiede auftreten. Abfrage: Mit welchen Kulturen interagieren Sie in Ihrem Umfeld? (Kaum jemand besucht so ein Training, ohne bereits in der Situation zu sein, interkulturell agieren zu müssen!) Gemeinsamkeiten/Unterschiede? Was kann man daraus allgemein ableiten? Verhaltensweisen, wenn ich mit Menschen anderer Kulturen interagiere? Welche Kulturmerkmale meiner Kultur sind „anschlussfähig“? ZIELE: Verstehen, was Kultur ist, was sie bedingt und was daraus für die Handlungsweisen der einzelnen Menschen folgt. Verständnis, Toleranz und Akzeptanz für „das andere“ schaffen. Einfache Verhaltensregeln in interkultureller Interaktion erarbeiten.

Welche Nachfrage ist größer – jene nach länderspezifischen Trainings, oder um Zielland-unabhängigen Trainings?

Mag. Monika Huemayer (Berlitz Austria): Wir bekommen oft Anfragen für länderspezifische Trainings und im Beratungsgespräch stellt sich heraus, dass eine ziellandunabhängige Herangehensweise effektiver ist. Wenn Unternehmen schlechte Erfahrungen mit Trainings gemacht haben, in denen nur Dos und Don´ts vermittelt wurden, dann können sie in einem Zielland-unabhängigen Training feststellen, welchen Einfluss Kultur auf das alltägliche Miteinander im Berufsleben hat. Das ist oft ein richtiges Aha-Erlebnis, das Arbeitsabläufe erleichtert und Effizienz steigert! Tendenziell ist die Nachfrage nach Zielland-unabhängigen Trainings größer, weil Unternehmen global tätig sind und ihre Mitarbeiter international agieren. Sie wollen und können sich gar nicht mehr nur auf ein Zielland oder eine geografische Region einschränken.

Dr. Karin Schreiner (Intercultural Know How): Die meisten Unternehmen fragen länderspezifische Trainings an, weil sie ihre Mitarbeiter optimal für eine bestimmte Destination vorbereiten möchten. Der Wert von kulturunabhängigen bzw. Kultur-Sensibilisierungs Trainings wird leider nicht gesehen.

Daniel Auwermann (ICUnet.AG): Die Nachfrage hält sich ungefähr die Waage, wobei Awarenesstrainings momentan leicht im Trend liegen. Interkultureller Qualifizierung wurde noch vor wenigen Jahren stark im Kontext von globaler Mobilität gesehen. Aber es geht dabei um viel mehr. Die richtigen Talente zu gewinnen und an den richtigen Ort zu bringen – weltweit. Es geht nicht mehr allein um die Unterstützung der Mitarbeiter, die in einer Auslandsdestination des Unternehmens arbeiten, sondern die Entwicklung von High Potentials zu globalen Managern oder darum ein internationales Leadership-Profil für Projektmanager herauszuarbeiten oder den Einkauf auf Verhandlungen in China vorzubereiten.

Chris Fuchs (Kick Off): Nach den allgemeinen, da wir in diesen Trainings auch bereits sehr spezifisch die Länderkulturen bearbeiten

Wann macht ein Zielland-abhängiges Training mehr Sinn, wann ein Zielland-unabhängiges?

Dipl.-Ing. Roman Hartl (Primas Consulting): Abhängig: wenn eine Gruppe von Personen mit Personen eines konkreten Ziellandes ein konkretes Unterfangen zu bewältigen hat (z.B.: Projekt mit chinesischer Mitarbeitergruppe). Unabhängig: wenn Personen in verschiedensten Kulturen tätig sind/sein werden (z.B.: Service Support für ein Produkt weltweit)

Dr. Herbert Strobl, MC (Strobl coaching & consulting): Zielland-unabhängige Trainings sind insbesondere dann unverzichtbar, wenn mehrere Kulturen gleichzeitig kooperieren z.B. bei internationalen Projektteams, die vielleicht sogar über Kontinente hinweg zusammen arbeiten sollen. In einem solchen Fall ist ein von einem Facilitator strukturiertes und moderiertes physisches Kennenlernen ein unverzichtbares Investment, wenn man in einem internationalen Projekt „Sand im Getriebe“ auf Grund von interkulturellen Missverständnissen vermeiden möchte.

Dr. Karin Schreiner (Intercultural Know How): Ein Zielland abhängiges Training macht Sinn bei einer Entsendung in ein spezifisches Land. Vor allem dann, wenn die Kulturdistanz sehr groß ist. Die Teilnehmer werden auf kulturspezifische Besonderheiten vor allem in Hinsicht auf Unterschiede in verbalen und nonverbalen Kommunikationsweisen, Hierarchieverständnis, Zeitverständnis und Umgang mit Mitarbeitern vorbereitet. Dies erfolgt immer im Vergleich zur eigenen Kultur, um die Unterschiede klar zu sehen. In Übungen und Rollenspielen  können dann kulturell andere Verhaltensweisen oder Kommunikationsstile erprobt und geübt werden.

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Branchen-Überblick „interkulturelle Trainings“:
diese & weitere Anbieter transparent nebeneinander gestellt

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Die Gesprächspartner

Mag. Monika Huemayer
Senior Consultant

Berlitz Austria
www.berlitz.at

Unternehmens-Profil | Berlitz

Dr. Karin Schreiner
Inhaberin

Intercultural Know How – Training & Consulting
www.iknet.at

 

Dr. Herbert Strobl, MC
Inhaber

coaching & consulting mit system
www.herbertstrobl.cc

Dipl.Ing. Roman Hartl

Primas CONSULTING

Daniel Auwermann

ICUnet.at

Chris Fuchs

KICK OFF Management Consulting

Autor Selan Eva

Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan

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3 Kommentrare

  1. Mathias Cimzar am

    Ich möchte die interessante o.a. Diskussion noch um einen Aspekt ergänzen bzw. nochmals unterstreichen, der beim Thema „interkulturelle Kompetenz“ in meinen Augen leider oftmals unterrepräsentiert ist.

    Sehr gern wird unter „interkulturellem Training“ die Vorbereitung auf die Tätigkeit in einem sogenannten Zielland verstanden. Um den Bedarf an interkultureller Kompetenz zu erkennen muss ich weder auf ein Zielland vorbereitet werden, noch mit internationalen Unternehmensstrukturen konfrontiert sein. Die Fähigkeit, mit anderen Kulturen umgehen zu können, ist auch im eigenen Land von großem Nutzen. Auch hierzulande treffen laufend zahlreiche Kulturen aufeinander, gleich ob im beruflichen oder privaten Kontext.

    Deswegen sehe auch ich als ersten und für mich zugleich wichtigsten Schritt in der Aneignung dieser Fähigkeiten – wie von manchen KollegInnen ebenfalls geschildert – die generelle Herangehensweise bzw. Einstellung ggü. anderen Kulturen und der Ablegung des Überlegenheitsdenken (aufgrund vermeintlichen Mehrheitsdenkens) der eigenen Kultur. Interkulturelle Kompetenz nimmt ihren Anfang in der Bewusstseinsänderung.

  2. Eva SELAN am

    Hallo Herr Cimzar,
    danke für die Ergänzung, dass interkulturelle Kommunikation auch ohne internationale Tätigkeit zum Alltag zählt.

    Bg, Eva Selan

  3. Steffen Henkel am

    Sehr geehrte Frau Selan,

    vielen Dank für dieses interessante Interview. Sehr spannend, was die Experten zu Ihren Fragen antworten.

    Ich finde zwei Aspekte noch sehr interessant:

    1. Besonders würden mich die Antworten Ihrer Fragen von den Anwendungsexperten interessieren. Damit meine ich sowohl diejenigen in den Unternehmen, die für den Einkauf der Veranstaltungen verantwortlich sind, als auch die Teilnehmer, die anschließend mit dem neuen Wissen arbeiten sollen.

    Ich habe manchmal den Verdacht, dass wir uns als Interkulturalisten ein wenig von dem entfernt haben, was tatsächlich gebraucht wird. Um es mal überspitzt auf den Punkt zu bringen: „Niemand ruft nach interkultureller Kompetenz. Gerufen wird nach einfacheren und stressfreieren Zielerreichung in der internationalen Arbeit.“

    2. Gibt es tatsächlich so etwas wie eine „generelle interkulturelle Kompetenz“?

    Ich tendiere dazu, diese Antwort zu verneinen. Interkulturelle Kompetenz hat immer mit konkreten Handlungen zu tun und diese sind eben immer an ganz spezielle Prägungen gebunden.

    Nun denke ich schon, dass es bestimmt innere Haltungen und Einstellungen gibt, die es erleichtern, offen für andere Herangehensweisen zu sein. Jedoch ist diese Sozialkompetenz kaum bei einem einmaligen „Lernevent“ wie ein Training es darstellt, zu erlernen. Haltungen, Einstellungen und Ähnliches benötigen doch etwas mehr Zeit, um geändert zu werden bzw. zu wachsen.

    Das gilt natürlich nur, wenn ich den Anspruch habe, dass es wirklich zu einer Kompetenzerweiterung kommt. Wenn ich Erklärungen geben und den einen oder anderen Aha-Effekt erreichen möchte, dann reicht ein Trainingstag dazu schon aus. Und das ist ja auch schon eine ganze Menge.

    Viele Grüße

    Steffen Henkel

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