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BGM 2015: Von interessierter Selbstgefährdung, Wertschätzung, Hofnarren und Krokodilen.

Event-Bericht: BGM 2015

Jahresforum für Betriebliches Gesundheitsmanagement, Business Circle, 25+26juni2015, Wien

Ein deutscher Philosoph verschiebt Gläser am Podium und erzählt dabei von Krokodilen und Pistolen. Zwei Schauspieler lassen sich auf der Bühne von Teilnehmern verbiegen und improvisieren über Gesundheitszirkel & Co. Der (wahrscheinlich) jüngste Universitätsprofessor Deutschlands bringt LMX und TMX auf einen Nenner. Ex-Betroffene sprechen über „Prostitution für Geld“ und Wege zu sich selbst. Menschen mit Engagement für gesunde Mitarbeiter lüften die Deckel zu ihren Erfahrungsschatzkisten. Preisfrage: Wo bitte war ich am 25. und 26. Juni? Natürlich beim Business Circle Jahresforum für Betriebliches Gesundheitsmanagement!

So ein Theater um die Gesundheit!

S. Piotrowski und D. Marinitsch mit Schauspielern A. Ziehrer und H. Schuster

S. Piotrowski und D. Marinitsch mit Schauspielern A. Ziehrer und H. Schuster (Theater Works)

Die Konferenzteilnehmer starten zum Aufwärmen der grauen Zellen und Lachmuskeln mit Improvisationstheater in den ersten Konferenztag unter dem Motto: „So ein Theater um die Gesundheit!“ Apropos: ist das so ein nettes, state-of-the-art Hobby, dass sich Unternehmen leisten, das „Betriebliche Gesundheitsmanagement“? Von wegen. „Gesunde Mitarbeiter kosten Geld. Kranke Mitarbeiter kosten ein Vermögen“, ist das Fazit von Uwe Rohrbeck von MAN Truck & Bus. Bernhard Schwarz vom Unicredit Bank Austria Gesundheitszentrum spricht von einem ROI von bis zu 1:7 für umfassende Gesundheitsmanagementsysteme. Sie und weitere Spezialisten aus der Praxis z.B. von Zumtobel Group, AMS NÖ, Dorotheum, Merkur Warenhandel erzählen aus ihrem Schatzkästchen. Welche Maßnahmen ergreifen sie? Welche Hindernisse gibt es? Es geht um ergonomische Arbeitsplatzgestaltung, gesunde Führung und organisationales Bewusstsein und Angebote für einen körperlich & mental gesunden Lebensstil. Was macht krank? Zu hohe Arbeitsmenge, chronische Fehlbelastung oder Überlastung, Unklarheit in Zuständigkeiten, Veränderungsprozesse, aber eher nicht: fachliche Überforderung. „Im Idealfall soll Arbeit nicht nur nicht krank machen, sondern gesund!“ sagt Herbert Friesenbichler von der AUVA. Den Führungskräften kommt dabei eine sehr wichtige Rolle zu.

Gesunde Doppelführung

Die Führungskräfte: Sie entscheiden, wie ihr Sandwich aussieht und sind gleichzeitig das Sandwich selbst. Sie sind zum großen Teil mitverantwortlich, wie gesund und leistungsstark ihre Mitarbeiter sind und sind selbst auch „nur“ ein Mitarbeiter, der auf die eigene Balance achten soll. Bertolt Meyer, jüngster Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie in Chemnitz, macht klar, was es in letzter Konsequenz braucht: LMX und TMX. Was sich dahinter verbirgt? „Leader-Member-Exchange“ und „Team-Member-Exchange“. Wir sind wieder mal am Kern des menschlichen Wesens: es braucht die soziale Unterstützung, den Austausch, das Zuhören, die Wertschätzung. Und in Zeiten von „Arbeit 4.0“ die sehr oft „anytime & anyplace“ außerhalb des Unternehmens stattfindet, gar nicht so einfach. Da braucht es Bewusstheit und ein Anders-tun (statt Mehr-tun) um ein Ausbrennen und Depression zu vermeiden.

Juhu! Arbeitsplatzevaluierung!

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I. Schmidbauer (AMS NÖ), E.M. Kernstock (Bundesinstitut für Qualität im Gesundheitswesen), M. Köttritsch (Die Presse), B. Monshi (iVip-Institut), A. Ritzberger-Moser (BM für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz), H. Friesenbichler (AUVA)

In einer Podiumsdiskussion mit Anwendern, Beratern & Vertretern vom Bundesministerium und der AUVA wird ein Fazit gezogen, wie es Unternehmen mit der gesetzlich verpflichtenden Arbeitsplatzevaluierung bezüglich psychischer Belastungen geht. Die wichtigste Botschaft, die einhellig weitergegeben wird, ist das es KEIN PROJEKT ist, sondern ein laufender Monitoringprozess, der zu einem umfassenden Qualitätsmangement einfach dazugehören sollte. Die Hürden, die genommen werden wollen, sind v.a. der Angstabbau: „Was?? Jetzt wird gemessen, wer hier psychisch krank ist?“ vs. „Welche allgemeinen Fehlbelastungen gibt es?“. Und die Frage, wie passende Maßnahmen gefunden werden sollen, darf und soll auf jeden Fall partizipativ (die Mitarbeiter als Experten ihres Arbeitsplatzes!) und im Wechselspiel mit Beratern/Experten stattfinden.

Das Krokodil und die interessierte Selbstgefährdung

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K. Peters (COGITO-Institut)

Und dann kommt ein Philosoph. Wie es sich gehört mit weißem Bart. Und Humor. Hervorragend. Klaus Peters vom Cogito-Institut erzählt, wie die indirekte Steuerung von Menschen, die bei Mitarbeitern die Leistungsdynamik von Selbständigen erzeugen soll, die Bedeutung von psychischen Belastungen erhöht. Also statt mit „Pistole“ als Symbol für Belohnung vs. Androhung von Sanktionen (direkte Steuerung), wird nun mit „Krokodil“ geführt, dass uns anstelle der Führungskraft antreibt und fressen will, wenn wir nicht rechtzeitig am vereinbarten Ziel ankommen. Das macht uns zu „interessierten Selbstgefährdeten“, weil wir nun selber wollen und nicht aufhören, bevor wir ankommen, egal wie spät es ist und wie erschöpft man schon ist. Krokodile sind z.B. drohender Arbeitsplätzeabbau, (interner) Wettbewerb, Druck von Kollegen und schließlich man selbst mit seinen Zielvereinbarungen. Hier hilft überhaupt nur selbst denken und begreifen, also Aufklärung. Peters schiebt Glas, Handy, Taschenmesser & Co am Podium zur Veranschaulichung von A nach B um die Zusammenhänge zu verdeutlichen. Lust auf mehr? Man findet das Krokodil auch zwischen zwei Buchdeckeln: „Mehr Druck durch mehr Freiheit“ zum Nachlesen.

Einmal einsteigen, aussteigen, umsteigen, bitte!

„Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu“, Thomas Nagy zitiert Ödön von Horváth beim Interview mit zwei Menschen bzw. Ex-Top-Managern, die einen völligen Zusammenbruch erlebt haben und ihren persönlichen Weg heraus gefunden haben. Einer, der mit mehr Distanz wieder ins System eingestiegen ist und einer der völlig umgestiegen ist und Walderlebniscamps für Kinder macht. Da fallen Aussagen wie: „… mich fürs Geld nicht mehr (Umsteiger) / schon noch (Einsteiger) prostituieren“, „…wieder Hofnarren einsetzen, die den Top Management sagen, dass sie auch nur Menschen sind“ und „…meine Hoffnung, dass sich Kinder, die sich einmal im Betrachten in einer Pfütze im Wald selbst verloren haben, vielleicht andere Topmanager werden.“ Hmm. Berührend. Danke für die Offenheit!

Ein Anders-denken mit Menschen, die „keiner mehr braucht“

Zum Abschluss sagt ein Mann mit uralter Lederhose, roten Brillen und roten Waldviertler Schuhen: „Es gibt bei uns keine Zielzahlen. Miteinander reden und nicht übereinander reden! Dann entsteht was, das überrascht.“ „Der Spinner, der zum Winner“ wurde, Johannes Gutmann, Gründer von Sonnentor Kräuterhandel, zeichnet ein lebendig-humorvolles Bild, wie mit der Kraft des Anders-Denken, Optimismus und Menschen eine Chance zu geben, „die keiner mehr braucht“ etwas Großes und Nachhaltiges entstehen kann.

Vorhang zu?

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J. Gutmann (Sonnentor), A. Förster-Streffleur (Business Circle), T. Nagy (NATURAmente)

Mein persönliches Fazit? Das waren eineinhalb von Business Circle professionell gestaltete Tage zum Wohlfühlen, Mitmachen, Lernen und Nachdenken. Wunderbar abwechslungsreich mit spannenden Key Note Speakern, mehreren „Round-Table“-Einheiten mit viel Raum zum spezifischen Austausch und Lernen miteinander, Erfahrungsberichte aus Unternehmen, Podiumsdiskussion und bewegenden Interviews. Dazwischen gibt es Seifenblasen, Bewegungsangebote, Improvisationstheater und Begegnungen mit netten Menschen, denen das Wohlbefinden anderer am Herzen liegt. Gelungen? Gelungen!

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