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BGF im Home Office | So packt man es am besten an (betriebliche Gesundheitsförderung)

Wie schön, dass wir die Gelegenheit bekamen, BGF (betriebliche Gesundheitsförderung) nun auch grundlegend auf das Home Office auszuweiten. Wir freuen uns und gehen es aktiv an. Nur wie?

Ich trommle eine Expertenrunde zusammen und frage: wie geht betriebliche Gesundheitsförderung – idealer Weise – im Home Office?

 

 



 

Wie kann BGF (Betriebliche Gesundheitsförderung) im Home Office gewährleistet werden?

Mag. Regina Nicham (IBG): Wichtig sind weiterhin Mitarbeiter-Befragungen sowie die Evaluierung der psychischen Belastungen – z.B. ergänzt durch spezielle Homeoffice-Module oder in weiterer Folge Remote-Work Projekte. D.h. unter Einbeziehung der Mitarbeiter und Führungskräfte sollen und werden weiterhin arbeitsplatzbezogene Ressourcen und Belastungen erhoben, konkrete Maßnahmen zur Verbesserung und Gesundheitsförderung speziell für die Homeoffice Situation entwickelt und die Wirksamkeit der Maßnahmen in weiterer Folge evaluiert. Befragungen selbst wie auch Fokusgruppen oder auch Maßnahmenworkshops können aus dem Homeoffice online gut durchgeführt werden. Die digitale Welt ermöglicht viele neue Wege, um auch den Mitarbeitern zu Hause gesundheitsfördernden Angebote zu ermöglichen. Neben individuellen Online Beratungen, Coachings, Webinaren oder auch Live Sessions zu Themen wie Ergonomie & Bewegung, Selbstmanagement, Vereinbarkeit Beruf und Familie, Stressprävention, Entspannung & Pausengestaltung sind auch Kurzvideos oder Online-Checks eine gute Quelle, um betriebliche Gesundheitsförderung nach Hause zu bringen.

Mag. Gernot Kampl (IEPB): Das Thema ist komplex. Wir haben 14 (!) relevante Aspekte zusammengetragen (die man auf unserer Website nachlesen kann), die bei der Implementierung von Home-Office unbedingt beachtet werden sollten – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Aber wenn Sie mich drängen, EINE Kernaussage zu treffen, dann ist es sicherlich die: „one fits all“ funktioniert nicht. Home-Office muss auf die jeweiligen beruflichen Aufgaben der Beschäftigten und ihre persönlichen Lebenssituationen sowie auf die Erfordernisse des Betriebs abgestimmt werden, nur dann profitieren sowohl Unternehmen als auch Beschäftigte von flexiblen Arbeitsmodellen.

Bernhard Schlosser (Virgin Pulse): Viele Mitarbeiter sind durch soziale Isolation, den Herausforderungen der digitalen Arbeit und einer ungewohnten Arbeitsumgebung etwas überfordert. Ein digitales BGM-Programm kann dabei helfen, Mitarbeiter sowohl gesund als auch zufrieden und produktiv zu halten, indem es tägliche kleine Anreize und Struktur bietet. Es hat darüber hinaus den Vorteil, dass Mitarbeiter es über den ganzen Tag hinweg nutzen können, und nicht nur während der Arbeitszeiten.

Worauf sollte man bei der Auswahl eines (digitalen) BGM-Programmes achten?

Bernhard Schlosser (Virgin Pulse): Es gibt einige wichtige Faktoren, wodurch sich solide BGM-Programme unterscheiden.

  • Messbarkeit: Ermöglicht das Programm es Ihnen, Daten zu ziehen über Teilnahme, Verbesserung, Selbsteinschätzung der Gesundheit durch die Mitarbeiter? Nur so können Sie hinterher den Erfolg des Programms feststellen.
  • Individualisierung: Jeder Teilnehmer hat andere Herausforderungen. Es sollte daher für jeden Mitarbeiter möglich sein, seine eigenen Ziele zu setzen, unabhängig vom jetzigen Gesundheitszustand. Besonders wichtig, wenn Sie Mitarbeiter mit existierenden Einschränkungen haben.
  • Implementierung / Kundendienst: Wieviel Aufwand schafft man sich auf den Hals mit einem BGM-Programm? Es sollte stemmbar sein für die HR Abteilung, also achten Sie auf eine einfache Implementierung und eventuellen Kundendienst.
  • Teamwork makes the Dream work! Um anhaltende Motivation zu erreichen, sollte das Programm auf Team aufbauen. So motivieren Kollegen sich gegenseitig.
  • Ganzheitlicher Ansatz: Wie die WHO schon vor über 50 Jahren beschrieben hat, ist Gesundheit nicht die Absenz von Krankheit und beinhaltet physische, mentale sowie soziale Komponenten. Achten Sie darauf, dass ein Angebot einen ganzheitlichen Ansatz zur Gesundheit bietet.
  • Mobile Nutzbarkeit: Damit Ihre Mitarbeiter flexibel sind und auch in ihrer Freizeit an ihre Gesundheit denken, sollte das BGM-Programm vom Handy aus zugreifbar sein.
  • Datenschutz: Fragen Sie genau nach, was mit den Daten Ihrer Mitarbeiter geschieht. Schließlich wollen Sie etwaige Zweifel seitens Ihrer Belegschaft ausschließen können.
Haben Sie Best Pracitces für Betriebliche Gesundheit im Home Office?

Mag. Gernot Kampl (IEPB): Ja, haben wir. Sehr auffällig für uns war, dass Kundenunternehmen, die schon früher „Vertrauensmanagement“ betrieben haben, sich bei der Implementierung von Home-Office wesentlich leichter taten. Das ist absolut plausibel, weil in diesen Betrieben schon bisher nicht die konkreten Aktivitäten – der Weg zum Ziel – kontrolliert wurden, sondern Ergebnisse, also die Zielerreichung. Wenn dann die Möglichkeiten zur laufenden Kontrolle der Beschäftigten zum Beispiel aufgrund einer Pandemie stark eingeschränkt werden, tun sich diese Unternehmen natürlich viel leichter, weil die Mitarbeiter längst gelernt haben und gewohnt sind, eigenverantwortlich zu arbeiten, also selbstständig zu planen, einzuteilen und umzusetzen, Prioritäten zu setzen etc. Beschäftigte solcher Unternehmen nehmen verstärkt auch den positiven Aspekt von Home Office für sich selbst wahr, nämlich die gewonnene Flexibilität.
Überrascht hat uns aber, dass selbst in Unternehmen, die immer noch überspitzt gesagt „Misstrauensmanagement“ betreiben, Home Office nach einer kurzen Eingewöhnung nun erstaunlich gut funktioniert. Menschen sind eben anpassungs- und lernfähig und streben nach einer gewissen Flexibilität, selbst unter ungünstigen Bedingungen.

Mag. Regina Nicham (IBG): Der soziale Zusammenhalt hat ein wichtiges gesundheitsförderndes Potential. Maßnahmen, die teamstärkend und das Miteinander, den Austausch fördern, wie z.B. virtuelle Pausenräume, vereinbarte Zeiten für informellen Austausch (z.B. auch nach einem Meeting oder get together 1x/Woche, 1/2h) oder virtuelle Mittagspausen sind auf jeden Fall hilfreiche Maßnahmen. Meeting- und Feedbackstrukturen sollten eine Mischung aus strukturierten und „freien“, aus kurzen und häufigen Meetings, aus daily standups oder 4-Augen Gesprächen sein.
Weitere Beispiele sind individuelle Online Beratungen per Video hinsichtlich Ergonomie und Selbstmanagement im Homeoffice oder auch arbeitspsychologische Coachings zum Umgang mit speziellen Herausforderungen im Homeoffice.
Was auf jeden Fall geklärt und auch sichtbar gemacht werden muss, ist das Thema der Erreichbarkeit und Nichterreichbarkeit sowie Spielregeln in der virtuellen Kommunikationswelt (z.B. Leitfaden / Teamkodex Führen virtueller Meetings)

 



Die Gesprächspartner

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Mag. Regina Nicham
Leitung Arbeits- und Organisationspsychologie

IBG Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement GmbH

www.ibg.at

Unternehmens-Profil


Bernhard Schlosser
Executive Director Europe

Virgin Pulse

www.virginpulse.com

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Mag. Gernot Kampl
Arbeitspsychologe und Geschäftsführer

IEPB – Institut zur Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz GmbH

www.iepb.at

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Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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