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HR-Ausbildungen: Theorie versus Praxis … oder … Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie

Die Beschreibung von (HR-)Studiengängen beinhaltet meist Formulierungen wie „hohe Praxisrelevanz“, „Verknüpfung von Theorie & Praxis“, „Praxisbezug durch…“, „praxisrelevantes Wissen“, … Gut so. Denn die meisten besuchen eine Weiterbildung nicht aus Selbstzweck, sondern um die Inhalte in der Praxis anzuwenden. WIE aber sieht diese zielführende Kombination, die tatsächliche Überführung des theoretisch erworbenen Wissens in die Praxis aus?

 

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Wir bitten vier Vertreter von HR-Studiengängen an Fachhochschulen zu Wort:

Welche Maßnahmen treffen Sie, um das von Ihnen vermittelte theoretische Wissen, auch praktisch von Ihren Studentinnen gut umgesetzt zu wissen.

FH-Prof. Mag. (FH) Mag. Dr. Gudrun Gaedke (FHWien der WKW): In den Studiengängen „BA-Studiengang Personalmanagement“ und „MA-Studiengang Organisations- und Personalentwicklung“ erfolgt der Praxisbezug durch folgende Maßnahmen: Einerseits durch didaktische Maßnahmen wie dem Einbinden von Fallstudien aus Unternehmen, der Bearbeitung von aktuellen Fragestellungen aus der Praxis und konkreten Praxisprojekten mit Unternehmen und andererseits durch die externen Lehrenden, die zum großen Teil direkt aus dem Berufsfeld kommen. In vielen Lehrveranstaltungen ist die Aufgabenstellung so formuliert, dass die Studierenden konkrete Ergebnisse für externe Auftraggeber erarbeiten, wie z.B. Personalentwicklungskonzepte oder konkrete Schulungsformate. Da die Studierenden in berufsbegleitenden Studiengängen ja berufstätig sind, bringen die Studierenden selbst die aktuellen Fragestellungen aus der Praxis in den Unterricht ein und tauschen sich über ihre Erfahrungen aus.

Univ. Doz. Dr. Ralph Sichler (Fachhochschule Wiener Neustadt): Theorie und Praxis sind nach unserem Verständnis zwei Seiten derselben Medaille. Nur wenn beide Seiten gepflegt werden, kommt es zu einem echten Glanzstück! Oder mit dem bekannten Wort von Kurt Lewin: Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie.
Theorie meint nach diesem Verständnis vor allem den guten Blick (oder besseren Durchblick) für die Dinge, um die es in der Praxis geht. Insbesondere für die Dinge in ihren meist komplexer werdenden wechselseitigen Zusammenhängen. Theorie gibt Orientierung und macht somit handlungsfähig. Das wiederum bedeutet im Umkehrschluss: Ohne Theorie handelt man blind und ohne Verstand! Und last not least: Ohne Theorie kann es auch keine (begründete) Verbesserung der Praxis geben! Eine akademische Ausbildung ohne (ausreichender) Theorie im skizzierten Sinn bereitet demnach ihre Studienabgänger auf die Praxis sehr schlecht vor.
In unseren Lehrveranstaltungen mit einem Theoriefokus stehen vor allem aktuelle Ansätze im Zentrum. Und solche Ansätze, die Praxis unterstützen und sie verbessern helfen.
Am Beispiel: In der Personalauswahl ist der theoretische State of Art der sogenannte trimodale Ansatz. Wir vermitteln in unseren Lehrveranstaltungen aber nicht nur die Grundidee dieses Zugangs, sondern erproben auch Möglichkeiten seiner Umsetzung beispielsweise durch multimodale Auswahlverfahren (anforderungsbezogene, leitfadengestützte Interviews, Assessment Center, berufsbezogene Tests etc.).
Die Umsetzung des theoretischen Wissens wird in weiteren Lehrveranstaltungen mit Praxisfokus vermittelt. Dabei unterstützen uns erfahrene Praktiker aus Unternehmen oder aus der Beratung. Praxisorientierung bedeutet allerdings nicht automatisch Erfolg. Jede Praxis hat ihre Grenzen, jedes Tool seine Tücken. Deshalb wird in diesen Lehrveranstaltungen auch die kritische Reflexion der jeweiligen Praxis groß geschrieben.

Mag. Dr. Herbert Schwarzenberger (Ferdinand Porsche FernFH): Für das ausschließlich berufsbegleitend organisierte Studienangebot ist der Praxistransfer von theoretischem Wissen besonders bedeutend. Der Studienzweig „Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie“ wird dafür inhaltlich und organisatorisch stark mit dem Berufsleben der Studierenden verknüpft. Die innovative und praxisnahe Gestaltung der Studiengänge ermöglicht es den berufstätigen Studierenden, die Inhalte aus dem Studium sofort in ihrem beruflichen Umfeld anzuwenden und sich ein umfassendes, fachspezifisches Know-how anzueignen.
Darüber hinaus ermöglicht das Prinzip des Blended Learning – eine Verbindung von Präsenzeinheiten mit Fernstudienphasen – nicht nur Studierenden, sondern auch Lehrenden bestmögliche Flexibilität. Unter anderem dadurch gelingt es uns, namhafte Experten aus der Wirtschaft als Lektoren zu gewinnen. Diese bringen Ihre praktische Expertise durch viele Übungen, Fallstudien und Anwendungsbeispiele ein und stellen den Studierenden auch ihre Netzwerke (z.B. in Form von virtuellen Gastvorträgen) zur Verfügung.
Der virtuelle Raum und unsere moderne technische Ausstattung ermöglichen es uns, dabei besonders international zu agieren. Projekt- oder Abschlussarbeiten in Zusammenarbeit mit Unternehmen werden nicht nur durch die Hochschule und unsere Lehrenden aus der Wirtschaft initiiert, auch unsere Studierenden, die tw. relevante Positionen in der Wirtschaft bekleiden, verstärken diese Ausrichtung.

Univ.-Prof. Dr. Irena Zavrl, Ph.D. (FH Burgenland GmbH): Als Erfolgsfaktor auf dem Arbeitsmarkt wird Studierenden gerne geraten, sich neben dem Studium ehrenamtlich zu betätigen. Aber das zählt ja in der Firma eigentlich nicht viel, weil besonders Wert auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten gelegt wird, die im Berufsalltag direkt verwertbar sind. Die jungen Menschen sollen sich daher vor Augen halten, dass neben dem abgeschlossenen Studienfach auch Fremdsprachenkenntnisse und die eigene Persönlichkeit eine wichtige Rolle spielt – mit allen sozialen Charakterzügen und soft skills wie z.B. lösungsorientiertes Denken, Selbständigkeit, Ergreifen der Initiative … Und da versuchen die Fachhochschulen den Spagat zwischen der theorielastigen universitären Ausbildung und praxisbezogenen Ausbildung, der Verwertbarkeit von Kenntnissen im Beruf mehr Aufmerksamkeit zu schenken, um den jungen Menschen einen erfolgreichen Berufseinstieg zu ermöglichen.

Fokus Bachelorarbeiten und Masterthesen: Wie stellen Sie sicher, dass ihre Studenten beim Schreiben ihrer wissenschaftlichen Arbeit, Praxis und Theorie gut verbinden können?

Univ. Doz. Dr. Ralph Sichler (Fachhochschule Wiener Neustadt): Im Bachelorprogramm werden zwei Bachelorarbeiten geschrieben. Die erste beruht vor allem auf der Auseinandersetzung mit seriöser Fachliteratur zu einem selbst gewählten oder vorgegebenen Thema. Beispielsweise: Förderung der Innovationskultur durch Personalentwicklung. Die Studierenden kommen zu Ergebnissen, die sich für die Umsetzung in der Praxis unmittelbar eignen. Auch hier gilt: Ohne Auseinandersetzung mit den Theoriegrundlagen können begründete Empfehlungen für die Umsetzung in der Praxis – vor allem zu ihrer Verbesserung – nicht gegeben werden.
Die zweite Bachelorarbeit setzt sich mit einer konkreten Praxisfragestellung aus einem Unternehmen auseinander. Beispielsweise: Einführung eines Verbesserungsvorschlagswesens im Unternehmen X. Auch hier muss zunächst die Literatur zu Rate gezogen werden. Darauf aufbauend werden Maßnahmen und konkrete Schritte der Umsetzung definiert. Die Studierenden lernen dabei, wie sich innovative Konzepte direkt umsetzen lassen. Sie erkennen aber auch, mit welchen Schwierigkeiten bei einem solchen Schritt gerechnet werden muss und welche Mittel ergriffen werden können, um die Probleme zu lösen.
Im Masterprogramm wird im Rahmen der Masterarbeit eine wirtschaftswissenschaftliche praxisrelevante Fragestellung aufgeworfen und mithilfe bewährter Methoden der empirischen Sozialforschung beantwortet. Beispiel: Servant Leadership und organisationale Bindung. Mithilfe einer quantitativen (Fragebogen) oder qualitativen (Leitfadeninterview) Studie wird auf die Fragestellung nicht nur eine Antwort gegeben. Es können auch begründete Schlussfolgerungen für die Praxis gezogen werden. Etwa am Beispiel: Servant Leadership trägt nachweislich zur emotionalen Bindung von Mitarbeitern an das Unternehmen bei. Das bedeutet: Wer Fluktuation im Unternehmen gering halten möchte, gut tut daran, Führungskräfte in dienender Führung zu schulen.
Mit den Abschlussarbeiten, insbesondere mit der Masterarbeit entwickeln ihre Studierenden nicht nur ihre Forschungskompetenz weiter. Die Recherche in Datenbanken nach seriöser Literatur zu einem Thema, das gerade ein Unternehmen beschäftigt, stellt heute eine wesentliche Praxiskompetenz dar. Wer im Personalmanagement neue innovative Konzepte einführen möchte, muss dies – etwa vor der Geschäftsführung – mit wissenschaftlichen Studien begründen können. Wenn solche Studien nicht existieren, ist es wiederum von Vorteil, wenn die Absolventen Methoden zur Ermittlung von Zusammenhängen zwischen Personal- und Organisationskennzahlen sowie unternehmerischen Erfolg kennengelernt haben und dies selbst umsetzen können. Genau das wird heute im modernen strategisch ausgerichteten Personalmanagement erwartet: Praktiker, die Verantwortung etwa im Personal- oder Veränderungsmanagement tragen, sind heute mitdenkende und mitgestaltende Akteure. Dies schließt die Kompetenz für kritische Reflexion und Praxisforschung ein.

FH-Prof. Mag. (FH) Mag. Dr. Gudrun Gaedke (FHWien der WKW): Die Fragestellungen in wissenschaftlichen Arbeiten werden anhand aktueller Themen aus der beruflichen Praxis entwickelt. Sie haben sowohl einen Theorie- als auch einen Praxisbezug, der dargestellt werden muss. Die Studierenden erarbeiten eine theoretische Basis und überprüfen dann durch mündliche oder schriftliche Befragung die Anwendung der theoretischen Ergebnisse in der Unternehmenspraxis. Dadurch bekommen die Studierenden einen unmittelbaren Einblick in die Fragestellungen des Berufsfelds Personalmanagement und Organisation und wie die Praxis darauf antwortet. Im Bachelorstudiengang gibt es darüber hinaus ein großes Praxisprojekt über 2 Semester, das wissenschaftliche Fragestellungen mit empirischen Methoden in der Praxis überprüft. Dadurch wird Forschung und Lehre optimal miteinander verbunden.

Mag. Dr. Herbert Schwarzenberger (Ferdinand Porsche FernFH): Die Verknüpfung von Praxis und Theorie in den Abschlussarbeiten ist uns ein wichtiges Anliegen. Dafür bieten wir im Studienzweig „Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie“ ein umfangreiches Begleitprogramm zur Abschlussarbeit. Im Masterstudium beinhaltet das vom Seminar zum wissenschaftlichen Arbeiten über das Fachliteraturseminar, in dem dank eines komplexen didaktischen Designs in Form einer double-blind-review unterschiedliche Perspektiven im wissenschaftlichen Prozess eingenommen werden, bis zum begleitenden Masterseminar. Darüber hinaus absolvieren die Studierenden ein Forschungsprojekt, in dem innerhalb einer Gruppe ein Praxisprojekt wissenschaftlich, von der Fragestellung bis zum Abschlussbericht, bearbeitet wird. Dabei vermitteln wir angewandte Methoden der Markt- & Organisationspsychologie. Zusätzlich bieten wir auf freiwilliger Basis virtuelle Begleitkurse zum quantitativen bzw. qualitativen wissenschaftlichen Arbeiten an. Es gelingt uns, erfahrene Betreuer aus der Praxis zu gewinnen, die besonders aktuelle und praxisnahe Themenstellungen anbieten. Dank deren wissenschaftlicher Erfahrung, unserer einheitlicher Richtlinien und Bewertungsgrundlagen und einem intensiven betreuerseitigen Austausch gelingt es, die hohe Qualität unserer Abschlussarbeiten zu sichern.

Wie praktisch darf eine wissenschaftliche, bzw. wie wissenschaftlich eine praktische Arbeit sein?

Mag. Dr. Herbert Schwarzenberger (Ferdinand Porsche FernFH): Praxisorientierung und wissenschaftlicher Anspruch sind für uns kein Widerspruch, wir sind im Gegenteil der Überzeugung, dass es sehr „praktisch“ ist, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Fragestellungen theoretisch und methodisch fundiert beantworten zu können. Diese Kompetenz wollen wir unseren Studierenden vermitteln. Die Studierenden der FernFH im Studienzweig „Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie“ kommen aufgrund unserer angebotenen Vertiefungsrichtungen im HR-Management bzw. Marketing Management beruflich mehrheitlich aus diesen beiden Bereichen. In beiden Gebieten ist man häufig mit der Erstellung von Befragungen oder Analysen bzw. Ergebnissen daraus konfrontiert. In verantwortungsvollen Positionen ist es dabei sehr wichtig, deren Aussagekraft, Repräsentativität oder schlicht Seriosität zu beurteilen. Die Kompetenz, eine (ev. bewusst) verkürzte oder geschönte Darstellung bzw. eine nicht schlüssige Interpretation von Erkenntnissen zu erkennen, ist dabei von zentraler Bedeutung. Die Wichtigkeit des wissenschaftlichen Anspruchs an unsere Abschlussarbeiten können wir damit sowohl unseren Studierenden als auch Projektpartnern aus der Wirtschaft überzeugend vermitteln.

 


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Die Gesprächspartner

 

sichler_ralph_FHwrNeustadtUniv. Doz. Dr. Ralph Sichler
Fachbereichsleiter

Fachhochschule Wiener Neustadt

www.fhwn.ac.at

Unternehmens-Profil


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Univ-.Prof.Dr. Irena Zavrl
Studiengangsleiterin Wirtschaft

FH Burgenland GesmbH

www.fh-burgenland.at

Unternehmens-Profil


Gaedke_Gudrun_FHwienFH-Prof. Mag. (FH) Mag. Dr. Gudrun Gaedke
Institutsleiterin, Institut für Personal & Organisation

FHWien der WKW

www.fh-wien.ac.at/personal-organisation/


schwarzenberger_herbert_fernFHMag. Dr. Herbert Schwarzenberger
Studiengangsleiter Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie Master

Ferdinand Porsche FernFH

www.fernfh.ac.at


Interview durchgeführt von

Autor Selan Eva

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb

www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


 

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