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HR-Tipp | Beziehungsorientierung in der internationalen Zusammenarbeit – was steckt dahinter?


HR-Tipp: Beziehungsorientierung
anhand eines Beispiels zwischen Deutschland und Indonesien

Zielgruppe:



Personen, für die kulturelle Diversität zum Arbeitsalltag zählt


Tipp-Geber:


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Dr. Karin Schreiner (Intercultural Know How – Training & Consulting)


 

Wenn von Beziehungsorientierung im beruflichen Kontext die Rede ist, entstehen häufig unterschiedliche Bilder in den Köpfen. Beziehungen auf persönlicher Ebene und Freundschaften werden in unserem kulturellen Kontext oft aus dem beruflichen Bereich ausgeklammert. Ein sachliches Herangehen an Themen, ohne auf der persönlichen Ebene eine zu enge Beziehung zu entwickeln, steht im Vordergrund. Dabei entstehen über die Jahre sehr gute und auf gegenseitiger Verlässlichkeit beruhende Arbeitsbeziehungen. Zu einer freundschaftlichen Beziehung kann es kommen, muss es aber nicht. Das folgende Beispiel zeigt, wie persönliche Beziehungen in den beruflichen Kontext eingreifen können:

Bei einem Meeting in München zwischen Herrn Kern und seinem indonesischen Geschäftspartner Herrn Pratiwi kommt es zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit. Es soll ein Assistent der Geschäftsführung für die Niederlassung in Jakarta eingestellt werden. Herr Kern besteht darauf, eine Person mit Universitätsabschluss und einschlägiger Berufserfahrung sowie hervorragenden Englischkenntnissen auszuwählen. Herr Pratiwi favorisiert seinen Neffen, der schon öfters bei ihm im Unternehmen ausgeholfen hat und ein sehr netter, höflich auftretender junger Mann ist. Der Neffe hat sein Studium noch nicht abgeschlossen und sein Englisch ist mittelmäßig, aber dafür könne man sich, laut Herrn Pratiwi, auf ihn verlassen, da er aus der Familie stammt.

Die beiden Partner sehen den Sachverhalt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Für Herrn Pratiwi ist wichtig, dass sein Assistent keine unbekannte Person ist, sondern aus der Familie kommt. Die Familienbeziehung ist aus seinen Augen die Garantie für die Erfüllung der Erwartungen an den jungen Mann. Herr Kern sieht die Lage sehr sachlich und möchte, dass die Entscheidung auf Grund objektiver Kriterien getroffen wird. Ihm ist ein Bildungsstandard, der nachvollziehbar ist, am wichtigsten. Von so genannter Vetternwirtschaft will er nichts wissen.

In Ländern wie Indonesien herrscht die Beziehungsorientierung vor. Das bedeutet, man hat ein gutes Netzwerk und innerhalb dieses Netzwerks bewegt man sich und pflegt seine Kontakte. Loyalität bestimmt die Beziehungen untereinander. Man ist verpflichtet, sich gegenseitig zu helfen und einander Gefälligkeiten zu erweisen. Auf dieser Ebene wird Vertrauen aufgebaut. Innerhalb der Familie sind die Beziehungen am engsten und damit auch die Loyalität am größten. Herr Pratiwi weiß, dass er sich auf seinen Neffen verlassen kann, da er eine sehr gute Beziehung zu seiner Schwester hat. Auch wenn sein Neffe den formalen Kriterien für diesen Posten nicht entspricht, wird er sich sehr anstrengen und die Erwartungen erfüllen. Herr Pratiwi setzt auf die Loyalität innerhalb seiner Familie, die objektiv nicht messbar ist.

Herr Kern kommt aus Deutschland und ist geprägt vom Leistungsdenken. In seiner Kultur stehen Leistung und Zielerreichung an oberster Stelle. Nur wer gute Leistung erbringt, kommt zum Ziel.  Die formalen Kriterien dafür sind Ausbildung und Erfahrung. Eine Person mit einschlägiger Universitätsausbildung erfüllt nachweisbar die erforderlichen Kriterien. Die so genannte Sachorientierung bei Deutschen steht hier im Zentrum. Für Herrn Kern ist eine professionelle Auswahl des Kandidaten wichtig. Diese basiert auf objektiven Kriterien und nicht auf familiärer Loyalität.

Wie können diese unterschiedlichen Standpunkte vereinbart werden? Nur durch das Verständnis kulturell unterschiedlicher Wertehaltungen. Familienbeziehungen geben in diesem Kontext Sicherheit. Da es sich um eine Stelle in Jakarta handelt, empfehle ich, sich auf die Einschätzung von Herrn Pratiwi zu verlassen, denn dieses kulturelle Umfeld ist sein Revier. Ginge es um eine Stelle in München, würde ich nach den deutschen Kriterien vorgehen.

Tipps für den Umgang mit Beziehungsorientierung

  • Beziehungsorientierung zeigt sich auch in kleinen Gesten oder Wörtern. Fragen Sie einfach, wie das Wochenende war oder wie es der Familie geht.
  • Bringen Sie bei einem Geschäftsbesuch kleine Geschenke aus Österreich mit
  • Wenn Sie regelmäßige Skype-Gespräche mit Kollegen in Indien, Indonesien oder China führen, dann schwenken Sie doch ab und zu Ihren Laptop und zeigen Ihrem Kollegen, wie Ihr Arbeitsplatz aussieht, auch zu Hause!
  • Sie entscheiden, was Sie an persönlichen Informationen preisgeben
  • In Ländern wie Indonesien oder Indien sind Familienbeziehungen das wichtigste. Sie als Vetternwirtschaft abzutun ist stereotypisierend. Respektieren Sie sie und bestehen Sie gleichzeitig auf der Qualität der zu leistenden Arbeit

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