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Was Unternehmer von Angestellten lernen können

Vor wenigen Tagen erschien hier im HRweb ein spannender Artikel zur Frage, was Angestellte von Managern und Unternehmern lernen können. Ich möchte die Frage in meinem heutigen Artikel umdrehen: Was können Unternehmer (und Manager) von Angestellten lernen? Ich glaube … einiges.

Man könnte sehr viel über die Unterschiede zwischen Unternehmern, Managern und „einfachen“ Angestellten“ philosophieren. Was diese unterscheidet hinsichtlich Verantwortung bzw. Risiko. Was diese unterscheidet hinsichtlich der Einstellung zur eigenen Arbeit und zum Thema Work-Life-Balance. Was diese im tiefsten Inneren motiviert die eigene Arbeit zu machen, Tag für Tag.

Wer lernt hier von wem?

Der Artikel im HRweb „Was Angestellte von Managern und Unternehmern lernen können“ hat mich dabei zum Nachdenken gebracht. Denn meist schielt man bei Vergleichen aus der Angestelltenperspektive in Richtung Unternehmerperspektive. Dabei meine ich – obwohl es selten explizit ausgesprochen wird – dass Unternehmer zu sein automatisch gedanklich mit mehr Freiräumen, mit mehr Prestige und mehr Einkommen verbunden wird. Dass dem nicht automatisch so sein muss, ist spätestens in der Welt der „neuen Selbstständigen“ vielen klar geworden. Denn vielfach ist Unternehmer zu sein (vor allem in den Anfangsjahren) mit mehr Arbeit, weniger Einkommen und mäßigem Prestige verbunden. Wohl aber mit dem permanenten Risiko zu scheitern.

Dennoch oder gerade deswegen lohnt sich für mich die Frage, was eigentlich Unternehmen von den eigenen Angestellten lernen können. Hier meine unpriorisierte Liste:

Klare „Arbeitsplatzbeschreibung“ einfordern

(Neue) Mitarbeiter fordern meist zu Recht eine klare Beschreibung der eigenen Verantwortungsbereiche und Aufgabengebiete ein. „Job Descriptions“, Neudeutsch formuliert, die einem den eigenen Handlungsrahmen explizieren. Ist die Stellenanzeige, auf die man sich hin bewirbt, hier schon eine grobe Skizze wird spätestens mit Antritt der Stelle die Klarheit vollends eingefordert.

Vor allem junge und „neue“ Selbstständige sollten davon lernen und für sich selbst die Fragen „Wofür bin ich verantwortlich, wofür nicht? Was mache ich selber, was macht mein Team? Was machen wir selbst, was lagern wir an Profis aus?“ beantworten. Denn oft fehlt es hier an einer „Entrepreneurial Descriptions“, einem klaren Selbstbild, was die eigenen Hauptaufgaben sind und was nicht.

Abgrenzen und „Nein“-Sagen lernen

Angestellte, die einem laut Arbeitsrecht die eigene Arbeitsleistung überlassen, haben ab einem gewissen Punkte die Möglichkeit, sich abzugrenzen. In dem man die Nachbarabteilung für zuständig erklärt, die bereits ausgeschöpften Überstunden und die Grenzen des Arbeitszeitgesetzes zitiert oder durch gesetzlich zugesicherte Urlaube, Krankenstände und Pflegefreistellungen. Errungenschaften die man schätzen und hochhalten muss, unhinterfragt. Auf Seite vieler Unternehmer – und Österreich ist hier von KMUs geprägt – gibt es dies nicht in dieser Form. Denn hier ist man als Eigentümer auch immer irgendwie letztverantwortlich. Und auch wenn dies rechtlich natürlich faktisch so ist, gilt es als Unternehmer, ein gesundes Maß an Abgrenzung zu entwickeln, Freiräume zu schaffen die man gegen die Erwerbsarbeit verteidigt und auch mal nicht erreichbar zu sein. Eine „gesunde Abgrenzung“, die der gerade unter jungen Selbstständigen wachsenden Zahl an Burnout-Fällen entgegenwirkt, ist eine Kompetenz die viele Unternehmer von ihren Angestellten erlernen sollten.

Andere um Feedback und Unterstützung fragen

Ein Mitarbeiter hat die Möglichkeit im eigenen Team die Kollegen um Unterstützung zu bitten. Wie etwas geht, wo man etwas findet und was denn das gegenüber zu einer erbrachten Arbeitsleistung meint. Unternehmer arbeiten viel zu oft als „Einzelkämpfer“, denen diese Möglichkeit fehlt bzw. die diese Möglichkeit nicht aktiv suchen. Auch als Unternehmer kommt es darauf an sich ein „kollegiales Netzwerk“ aufzubauen. Nicht nur externe Dienstleister, die einem die eigene Meinung verkaufen, sondern Netzwerkkontakte auf Augenhöhe die einander mit Erfahrungsaustausch und ehrlichem direktem Feedback zur Seite stehen. Unternehmertum ist zwar innerbetrieblich oft kein „Teamsport“, dennoch kann man sich eine „Trainingsgemeinschaft“ aufbauen in der man Rat und zweite Meinung findet.

In Karrierefragen egoistisch sein

Mitarbeiter stellen sich auch immer die Frage: „Was ist mein nächster Gehaltssprung? Was ist mein nächster Entwicklungsschritt? Was ist meine nächste Karrierestufe?“ Mal leiser, mal lauter, sind diese Fragen Teil des restriktiven Rahmens „Erwerbsarbeit“. Und Mitarbeiter fragen das zu Recht, denn Wachstum und Selbstentwicklung sind wesentliche intrinsische Motivationsfaktoren. Und Leistung will auch belohnt werden.

Aus meiner Sicht halten Unternehmer aber viel zu selten inne und fordern diese Entwicklung von sich selbst explizit ein. Ich meine damit nicht alleine Umsatzwachstum, ich rede davon ein klares Bild für und von sich selbst zu entwickeln, was man als eigenes inneres Karriereziel formuliert und wie man es verfolgt. Unternehmer zu werden ist kein Endpunkt, es ist ein Ausgangspunkt für weiterführende Entwicklung. Und Kompetenz- wie Persönlichkeitsentwicklung von Selbstständigen bleibt dabei leider oft auf der Strecke.

Love it, change it or leave it

Vielleicht noch ein letzter Punkt: Ein Mitarbeiter hat die selbstverständliche Möglichkeit, das eigene Unternehmen zu verlassen wenn er dauerhaft mit bestimmten Punkten unzufrieden ist. Und der Unternehmer? Hat der diese Möglichkeit auch? Aus meiner Sicht denken Unternehmer viel zu selten über die eigene „Exit-Strategie“ nach. Damit meine ich nicht, für Millionen von Euros ins Silicon Valley zu verkaufen, sondern für sich auch zu überlegen an welchem Punkt man die eigene Idee vom Unternehmen auch bereits ist aufzugeben. An welchem Punkt man eine Geschäftsidee für tot erklärt. An welchem Punkt man ein Unternehmen auch schließt, vielleicht auch mit der Idee im Kopf, später ein anderes Unternehmen neu zu starten. „Unternehmerisches Versagen“ wird – meine persönliche Meinung – in Österreich immer noch mit Inkompetenz gleichgesetzt, und weniger als „mutiges Scheitern“ honoriert.

Zusammenfassung

Unternehmer und Mitarbeiter werden oft als zwei unterschiedliche Seiten dargestellt mit grundverschiedenen Charakterzügen und Wertigkeiten. Zum einen mag das ggf. auch stimmen, zum anderen verliert man aber aus dem Auge, dass gewisse Aspekte für beide Welten gleichermaßen gelten. Denn es geht immer um Menschen im Berufsleben, die nach Klarheit, Entwicklung, Anerkennung und einer ausgeglichenen Leistungs-Erholungs-Bilanz streben. Lernen wir voneinander!

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