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Über die aktuelle Lage der Weiterbildung-Branche | Überwiegen Chancen oder Risiken?

Wir schreiben den april2020. Das heißt: Corona, keine Präsenz-Veranstaltungen und somit ein kompletter Stillstand der Präsenz-Trainings und –Kongresse.

Ich starte ein schnelles Experten-Interview in die Train-the-Trainer-Runde: Wie sehen Sie die aktuelle Lage im Weiterbildungsbereich?

Eine Aussage von Sabine Prohaska gleich vorweg, denn sie spiegelt sehr viel Optimismus wider: „In dieser unerwarteten Unterbrechung von gewohnten Abläufen liegt aber auch eine große Chance, weil sich darin neue und zukunftsweisende Methoden, auch für Trainings, verbergen.“

Darin steckt viel Wahrheit. Worin liegen diese Chancen konkret, wohin können und sollen sich Unternehmen entwickeln?

 

Fragen dieses Interviews: Wie sehen Sie die aktuelle Lage im Weiterbildungsbereich? Chancen, Risken?

INTERVIEW-PARTNER

 



Wie sehen Sie die aktuelle Lage im Weiterbildungsbereich? Welche Chancen, wo liegen die Risken?

Eva-Maria Kraus (NEWVIEW): Ich denke, dass viele im Weiterbildungsbereich Stornierungen und Verschiebungen auf unbestimmte Zeit erfahren haben. Wie und wann es weitergehen wird ist derweil ungewiss. Was sicher ist: es wird anders sein als vorher. Es hat einen Digitalisierungsschub gegeben, den keiner vor einigen Wochen für möglich gehalten hat. Viele Blended-Learning Institute haben sicherlich Vorteile am Markt. Aber ich denke auch alle Trainer haben die Möglichkeit jetzt einen Sprung in die „neue Welt des Lernens“ zu machen. Diese Chance, Neues lernen zu können, sollte genutzt werden. Jetzt darf probiert werden. Jetzt werden Fehler verziehen. Wird es wieder wie vorher? Ich denke nein. Es wird eine gute Mischung aus virtual classroom, E-Learning und Präsenzseminaren geben. Die Lernreise wird kreativer und vor allem nachhaltiger konzeptioniert werden müssen als dies teilweise bisher der Fall war.
Eine Riesenchance bietet sich jedoch Unternehmen im Bereich Wertehaltung und Unternehmenskultur. Jetzt wäre die richtige Zeit, wieder vom Management auf Leadership zu wechseln und somit auf die Menschen zuzugehen. Es herrscht Überlastung und Unsicherheit. Es sind an einigen Stellen Dinge hervorragend gelaufen, an anderer Stelle wurden große Fehler gemacht. Führungskräfte sollten jetzt – möglicherweise auch mit dem Trainingspartner ihres Vertrauens – kurze Team-Workshops einplanen um zu reflektieren wie die vergangenen Wochen waren, welche Learnings jetzt bereits stattgefunden haben und was verbessert oder beibehalten werden sollte. Fehlerkultur kann jetzt gelebt und eine wertschätzende Kultur des Miteinanders etabliert oder vertieft werden.

Irina Simone Fischelmaier (HeartBeat): Die aktuelle Lage ist von großen Unsicherheiten geprägt, da immer noch viele Informationen seitens der Regierung fehlen – ab wann können Präsenztrainings wieder durchgeführt werden? Mit welchen Vorgaben?
Fallen Trainings unter das Veranstaltungsverbot (bis Ende Juni) oder darf der Seminarbetrieb unter Einhaltung der verordneten Schutzmaßnahmen (Abstand, Atemschutzmaske) ab Öffnung der Schulen wieder aufgenommen werden? Es gibt leider weder von der WKO noch der Regierung eindeutige Aussagen dazu.
Dazu kommt natürlich die Unsicherheit bzgl. Mitarbeiter-Schutz und Liquidität der Firmen-Kunden. Werden unsere Kunden die personellen Zeit-Ressourcen als auch Budgets freigeben, um ihren Mitarbeitern sofort wieder Weiterbildung zu ermöglichen?
Die Chancen bestehen darin, sich jetzt als verlässlicher Partner der Kunden zu präsentieren, der auch in dieser Zeit in Personalthemen unterstützt und Lösungen anbietet.

Mag. Sabine Prohaska (seminar consult): Die Corona- Krise verändert viele Lebens- und Arbeitsformen grundlegend. Das betrifft in erster Linie – und wohl auf lange Sicht – Präsenzveranstaltungen, welcher Art auch immer. Sie werden wohl auch nach der Corona- Krise nie mehr wieder so zahlreich stattfinden wie vor der Krise.
In dieser unerwarteten Unterbrechung von gewohnten Abläufen liegt aber auch eine große Chance, weil sich darin neue und zukunftsweisende Methoden, auch für Trainings, verbergen.
Die Krise wird bei Unternehmen in vieler Hinsicht zu einem Umdenken führen – führen müssen, wenn sie sich regenerieren und wettbewerbsfähig bleiben wollen: Sie werden künftig stärker auf ein Online-Lernen oder zumindest auf Blended-Learning-Konzepte setzen.
Viele Unternehmen mussten in den letzten 4 Wochen zwangsläufig auf einen Online-Modus umstellen. Und oft genug haben sie festgestellt, dass es in vielen Bereichen erstaunlich gut funktioniert. Langfristig gesehen – und besonders auch im Bildungsbereich – ist diese Krise tatsächlich ein guter Zeitpunkt, um neue Gestaltungsräume für das eigene Bildungsangebot zu schaffen.
Blinder Aktionismus bei der Umstellung auf Online-Weiterbildung ist allerdings fehl am Platz. Denn beim reinen E-Learning sowie auch beim  Blended Learning geht es um intelligente, gut durchdachte Lern-Arrangements. Um diese zu erstellen, braucht es didaktische und methodische Kompetenz. Entscheidende Fragen sind zum Beispiel: Wie lange dürfen Lerneinheiten sein? In welcher Frequenz werden Inhalte am besten angeboten? Wie sichere ich den Lerntransfer? Wann und wie baue ich Feedback-Schleifen ein? und vieles mehr.
Deshalb sollten Bildungsverantwortliche, Trainer und Coaches die Corona-bedingte Auszeit nutzen, um sich zu fragen: Wie kann ich künftig zumindest Teile meiner Leistung digitalisieren?

Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Chancen: wir können uns jetzt mit Online-Produkten und E-Learnings im Detail beschäftigen und Online-Projekte, die wir begonnen haben fertig stellen – viele Trainer lernen die Online-Trainings jetzt am eigenen Leibe kennen und können in Zukunft Blended Learning und E-Learning Elemente mit Präsenztrainings besser verbinden. Speziell im Fachbereich machen Blended Learning Schulungen Sinn.
Risken: die Weiterbildungsmaßnahmen in den Firmen werden wahrscheinlich in weitere Zukunft verschoben (Zitat eines Kunden: nach der Krise werden wir uns um andere Themen kümmern müssen, als um Weiterbildung), die verschobenen Seminare/Lehrgänge werden zur Gänze abgesagt oder nur zum Teil durchgeführt.

Ina Biechl (institut ina biechl): Die aktuelle Lage im Weiterbildungsbereich ist komplex. Durch die aktuelle Situation wird das Digitale Lernen forciert und erweitert. Das ist und war immer schon sowohl eine Herausforderung als auch ein moderner Schub. Für die Bereiche Kommunikation gibt es dabei einige Einschränkungen. Digital ist vieles, was erforderlich ist, nicht vermittelbar. Für mich ist im Bereich Kommunikation die Körpersprache und der persönliche Austausch der Teilnehmenden sehr wichtig, ja notwendig. Daher habe ich mich hier nicht auf Digitales Lernen verlegt. Ich habe beispielsweise die Termine meines Führungskräftetrainings auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Da ich ständig Kontakt mit den Teilnehmenden – telefonisch und per Mail habe, war/ist das zum Glück kein Problem.

Schlussworte

Danke für den Blick auf die Weiterbildungsbranche en gros und auf Weiterbildungs-Situation in Unternehmen.

Ein weiteres Interview ist bereits in Vorbereitung, es widmet sich der Seite der Trainer: welche Alternativen bieten sich zu Präsenz-Trainings an und in wie fern sind die Trainer bereits darauf vorbereitet?

 



Die Gesprächspartner

 


Mag. Sabine Prohaska
Eigentümerin

seminar consult prohaska

www.seminarconsult.at

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Eva-Maria Kraus
Inhaberin, Trainerin

NewView

www.NewView.at

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Irina Simone Fischelmaier
Trainerin

HeartBeat GmbH

www.HeartBeat.co.at

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Corinna Ladinig, MBA
Geschäftsführerin & Inhaberin

CTC Academy OG

www.ctc-academy.at

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Ina Biechl
Leitung

Institut ina biechl

www.ina-biechl.at

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selan_eva_150Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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