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Wirtschaft anno 2020 | Unsicherheit ist die neue Normalität

„Es gibt keine Sicherheit, nur verschiedene Grade der Unsicherheit.“ Dieses Zitat des russischen Schriftstellers Anton P. Tschechow beschreibt treffend die aktuelle Situation in vielen Unternehmen. Noch nie waren die Wirtschaftsprognosen für die kommenden Jahre so ungewiss wie heute. Langjährige Depression oder rasche Erholung – alles steht zur Diskussion.

Der weltweite, COVID19-bedingte Lockdown hat uns jedenfalls innerhalb kürzester Zeit drastisch vor Augen geführt, wie fragil und anfällig so ein globalisiertes Wirtschaftssystem eigentlich ist. Und das nur eine Wirtschaftsmaxime immer ihre Gültigkeit hat, die da lautet: Nix ist fix!

Was Unsicherheit mit uns macht

Wie Menschen mit Unsicherheit umgehen, ist von Typ zu Typ verschieden und hängt sehr stark vom sozialen Umfeld und den daraus resultierenden Lebenserfahrungen ab. Während in anderen Erdteilen viele Menschen nicht wissen, ob sie morgen genug zu essen haben, wurden wir in Mitteleuropa in Gesellschaftssystemen sozialisiert, die von einem vergleichsweise hohen Lebensstandard und von sozialen Auffangnetzen geprägt sind. Hunger leiden muss in unseren Breitengraden zum Glück kaum jemand.

Aber auch wir sind in dieser „Vollkasko-Welt“ immer wieder mit Umbrüchen wie Job- oder Wohnungswechsel, Prüfungen oder Krankheiten konfrontiert. Doch verglichen mit vielen anderen Bewohnern dieses Planeten, leben wir weitgehend in einem stabilen und sicheren Umfeld. Was uns auch gut tut, denn dadurch wird unser elementares Grundbedürfnis nach Ordnung und Struktur befriedigt. Solange wir das Gefühl haben, alles kontrollieren zu können, fühlen wir uns sicher und gut versorgt.

Gerät diese heile Welt aber aus den Fugen, so wie wir das gerade mit COVID19 erleben, wird es schnell kritisch. Ein Gefühl des Kontrollverlustes nimmt von uns Besitz und als Emotion darauf, bestimmen vielfach Ängste und Sorgen unseren Alltag. Bei manchen Menschen oft in einem Ausmaß, das für Außenstehende irrational erscheint. Aber damit sind wir wieder am Anfang: Die gleiche unsichere Situation tut der eine lapidar mit dem Satz: “Wird‘ schon gut gehen“ ab, während der andere panisch in Schockstarre verfällt. Eben je nach sozialer Prägung und Lebenserfahrung.

Den Umgang mit Unsicherheit kann man lernen

In der medialen Debatte werden die wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-bedingten Maßnahmen oft mit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts verglichen. Ob diese Szenarien zutreffen, wissen wir nicht. Aber allein die intensiven Diskussionen darüber zeigen, dass wir es aktuell offensichtlich mit einer Krisensituation zu tun haben, welche die meisten von uns in diesem Ausmaß noch nie durchlitten haben.

Die Erdölknappheit in den 70ern, das Platzen der dot.com-Blase Anfang der Jahrtausend-Wende oder der Finanzcrash 2008 – je nach Lebensalter waren diese Krisen vermutlich die größten wirtschaftlichen Verwerfungen, die viele von uns bisher erlebt haben. Denn abgesehen von diesen temporären Dellen, ist es mit der Weltwirtschaft seit Ende des zweiten Weltkrieges kontinuierlich bergauf gegangen. Und dieses stetige Wirtschaftswachstum war auch der Garant für unseren jetzigen Wohlstand.

Aber kein Vorteil ohne Nachteil. Ein angenehmes, berechenbares Leben, angetrieben vom ständig brummenden Wirtschaftsmotor, hat uns zu einer Scheinsicherheit verleitet. Der Preis, den wir dafür bezahlt haben: Wir haben kaum Erfahrungen sammeln können, wie man mit Unsicherheit umgeht. Die gute Nachricht: Den Umgang mit Unsicherheit kann man lernen. Die schlechte Nachricht: Aber nur dadurch, in dem man sich in die Unsicherheit begibt.

Es ist wie beim Schwimmen: Am Beckenrand im Trockentraining die Schwimmzüge zu simulieren ist zu wenig. Wer ein guter Schwimmer werden will, muss irgendwann rein ins Wasser. Und erleben, dass er dabei nicht untergeht.

Unsicherheit managen wird zur Kernkompetenz

Dass sich das Zeitalter der wirtschaftlichen Scheinsicherheit ihrem Ende nähert, hat sich spätestens seit der Finanzkrise 2008 abgezeichnet. Stück für Stück ist der Lack von der langjährig gepflegten Wirtschaftsfassade abgebröckelt. COVID19 ist nun zum Katalysator geworden. Denn wie immer in Krisenzeiten, wird dann besonders gut sichtbar, was noch gut funktioniert und welche Systeme eigentlich schon innerlich erodiert sind.

Sicher ist heute nur eins. Die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Jahren ist unsicher. Eigentlich ein lapidarer Satz, der immer schon Gültigkeit hatte, den wir aber viele Jahre lang aus Bequemlichkeit verdrängt haben. Als Generation, die von einer Vollkasko-Mentalität geprägt ist, steht uns nun im Umgang mit Unsicherheit eine steile Lernkurve bevor. Wir sind gefordert, so rasch wie möglich unsere scheinsichere Komfortzone zu verlassen und uns unseren Ängsten und Sorgen in Bezug auf unsichere Situationen zu stellen. Wir müssen also den Stier der Unsicherheit bei den Hörnern packen und initiativ werden.

Wie immer, wenn es um Veränderung geht, ist dabei der 1. Schritt zu akzeptieren, dass es nun anders ist. Erst wenn wir das verinnerlicht haben, werden wir auch bereit sein, uns auf diese Unsicherheit einzulassen und Neues auszuprobieren. Danach werden wir erkennen und lernen, dass unsichere Zeiten nicht gleichzeitig das Ende der Welt bedeuten. Wenn es uns letztendlich sogar gelingt, den Umgang mit Unsicherheit als Herausforderung und als persönliches Wachstumsfeld zu begreifen, dann haben wir eine neue, wichtige Kernkompetenz erlangt.

„Selbst die größte Unsicherheit ist nicht so gefährlich, wie falsche Sicherheit“.
Andreas Tenzer (dt. Philosoph & Autor)

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