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Frihet under ansvar | Eigenständigkeit der Mitarbeiter als enormer Boost für das Unternehmen

„Freiheit, Verantwortung und Vertrauen“. Die Glücksforscherin Maike von den Boom erklärt im Interview dieses skandinavische Konzept: Wie kann das auf (österreichische) Unternehmen umgelegt werden und worin liegt der große Nutzen?

Anm.d.Red: Kürzlich erschien der 1. Teil des Interviews, in dem Maike van den Boom die Hintergründe des Konzepts erklärt: ⇒ HRweb-Interview „frihet under ansvar | Mehr Sinn & Freude & Eigenständigkeit in der Arbeit“.

Dort beantwortete sie folgende Fragestellungen:
Was hat es mit „frihet under ansvar“ auf sich?
Wie sieht es mit Jobs aus, die nun mal völlig geregelt ablaufen müssen (zB. Produktion)?
Was, wenn einige Mitarbeiter nicht reif genug sind, selbst ein so hohes Maß an Entscheidungen zu treffen (oder es einfach nicht wollen)?

 

 

Wie kann ein Unternehmen & dessen Führungskräfte erlernen, den Mitarbeitern Freiraum zu geben?
  1. Öffnen Sie Ihr Unternehmen! Sorgen Sie dafür, dass Kommunikations-Barrieren so weit wie möglich abgebaut werden. Die direkten, aber auch die indirekten, die durch Hierarchien und Befindlichkeiten entstehen. Nur dann kann das gesamte Potenzial und Wissen durch das Unternehmen fließen. Binden Sie z. B. andere Abteilungen in Ihre Beschlüsse ein. Oder versuchen Sie es einfach mit einer typisch schwedischen Fika, eine Kaffeepause, an der jeder teilnimmt und über alles gesprochen werden kann. Kommunizieren Sie deutlich, dass sie nicht allwissend sind und Ihre Beschlüsse infrage gestellt werden dürfen. Laden Sie ein, zu fragen. Überlegen Sie sich bei allem, was sie tun: Ist das transparent? Mache ich es hiermit möglich, dass so viele Menschen, wie möglich ihre Ideen einbringen?
  2. Kommunizieren Sie eigenen Unsicherheiten! Sollten Sie sich dumm oder verletzt fühlen, dann kommunizieren Sie es auf Vorstandsebene genauso wie in der Produktion. Ermutigen Sie andere, es Ihnen gleich zu tun. Das führt zu tiefer Transparenz und Offenheit, die ein vertrauensvolles Umfeld schafft, in der Menschen immer mehr wagen, sich zu zeigen und einzubringen. Fragen Sie sich: Zeige ich mich jetzt nahbar und menschlich?
  3. Schenken Sie Vertrauen! Damit fängt es an. Denn Vertrauen bewahrheitet sich selbst. Wenn Ihr Vertrauensniveau niedrig ist, dann werden Sie dementsprechend kontrollieren, was für Menschen verletzend und demotivierend ist. Also werden sie sich nicht loyal verhalten und Ihre Annahme bewahrheitet sich. Doch die Forschung hat ergeben: Menschen, denen Vertrauen geschenkt wird, verhalten sich vertrauenswürdig. In den nordischen Unternehmen setzt man ein Verhältnis 90/10. Nur 10 Prozent erweisen sich Ihres Vertrauens nicht würdig. Fokussieren Sie sich auf diese und entziehen Sie den restlichen 90 % nicht die Energie und Schaffenslust. Fragen Sie sich: Schenke ich Vertrauen und Verantwortung oder stehe ich jetzt meinem Mitarbeiter im Weg rum?
  4. Anfeuern! Die Führungskraft der Zukunft geht nicht forsch vorweg. Stehen Sie bitte am Rand und feuern an, was das Zeug hält. Denn jeder Mitarbeiter ist wichtig und eventuell sogar wichtiger als Sie. Fokussieren Sie sich deshalb auf das, was gut läuft. Räumen Sie Hindernisse aus dem Weg. Helfen Sie Gestolperten wieder hoch. Loben Sie kontextuell, sprich reden Sie darüber, was das Positive einer Person für Sie und die Kollegen bedeutet. Fragen Sie sich: Habe ich heute meine Mitarbeiter schon angefeuert?
Schlusswort: Worin liegt der riesengroße Nutzen dieser Haltung?
  1. Sie gewinnen Zeit. Kontrolle kostet Zeit und Energie. In dem Maße, in dem es Ihnen gelingt, die Eigenverantwortung und somit ihre Fähigkeit zur Self-Leadership zu erhöhen, schrumpfen Ihre Aufgaben. Keine Angst, Delegieren macht Sie nicht arbeitslos, nur weniger wichtig. Und das ist vielleicht schwierig zu ertragen. Dafür steigt die Energie in Ihrer Abteilung und die Begeisterung Ihrer Mitarbeiter. Sie haben dann endlich Zeit, zu reflektieren und das Unternehmen und sich selbst zu entwickeln.
  2. Sie gewinnen Sicherheit: Wenn Ihre Crew mitdenkt, dann müssen Sie nicht ständig alles selbst entscheiden und bedenken. „Wir können doch viel einfacher die richtige Entscheidung treffen, wenn jeder sagt, was er denkt“, so eine norwegische Personalleiterin. Ihre Mitarbeiter können Ihre Verbündeten sein, die Ihnen helfen wollen, ihre gemeinsamen Ziele zu erreichen.
    Einige Skandale in der Vergangenheit haben uns gezeigt, dass es für Unternehmen lebensgefährlich sein kann, wenn Mitarbeiter sich nicht trauen, den Mund aufzumachen, Fehler einzugestehen, auf Missstände hinzuweisen oder die Führungsspitze zu kritisieren. Das nicht als Angriff auf Ihre Autorität zu erfahren, bedarf vielleicht auch eines Coachings. Und vielleicht auch ein Training ihrer Crew in wertschätzendem Feedback.
  3. Sie gewinnen Innovationskraft: Der Europäische Innovationsanzeiger wurde, wie auch die Jahre davor von Schweden, Finnland und Dänemark angeführt. Wenn wir Menschen das Vertrauen und die Verantwortung schenken, sich individuell zu entwickeln, dann werden Sie Unternehmen mit ihrem einzigartigen Input bereichern. Wenn wir diese Menschen so kombinieren, dass einander ergänzen können, nutzen wir das Beste von allen für alle. Dann gewinnt Ihr Unternehme überraschend an Innovationskraft.
  4. Sie gewinnen Loyalität: Wann glänzen die Augen unserer Kinder? Wenn wir ihnen etwas zugetraut haben und sie es hinbekommen haben. Wir sind nicht anders, wenn wir groß sind. Wir wollen alle das Gefühl haben, wichtig zu sein. Es ist noch sehr viel kraftvoller als zu wissen, was und warum man etwas tut, als zu wissen, wofür und für wen. Wir sind Herdentiere und werden auch hirn-technisch dafür belohnt, wann immer mit anderen kooperieren, wann immer wie etwas für die Gemeinschaft tun. Und dieses Gefühl ist wichtiger als 100 EUR mehr auf dem Konto. Wenn Sie also Ihre Mitarbeiter halten möchten, dann zeigen Sie ihnen täglich, wie wichtig sie für Sie, die Kollegen und das Unternehmen sind und geben Sie ihnen die Möglichkeit, es zu sein.
  5. Sie gewinnen glückliche Mitarbeiter: Nun muss die Glücksforscherin doch noch mal ran. Ich höre oft: „Was gehen mich glückliche Mitarbeiter an?“ Eine Menge. Denn glückliche Mitarbeiter sind kreativer, produktiver und arbeiten besser zusammen. Sie sind im Gegensatz zu gestressten und negativen Menschen eher im Stande, ihr kognitives und emotionelles Potenzial zu nutzen. Sprich nebst all den oben genannten Vorteilen (die Sie sich eh schon in die Tasche stecken können), ist das Glück Ihrer Crew das Sahnehäubchen und das glaubhafteste Aushängeschild in Sachen Employer Branding.
Funktioniert das auch bei meinem Unternehmen? In meiner Branche?

Während meiner Forschungsreise durch 30 skandinavische Unternehmen habe ich diesen Gedanken bereits im Hinterkopf gehabt. Deshalb habe ich kleine, große, staatliche, familiengeführte, börsennotierte Unternehmen besucht und unterschiedlichste Branchen abgedeckt: Krankenhaus, LKW-Hersteller, Tech-Firmen, Fluglinie, Bauunternehmen, Übersetzungsbüro, Zinkgusshersteller, ein schwedisches Möbel-Unternehmen und viele mehr:

Natürlich ist Ihr Unternehmen einzigartig. Deshalb heisst es immer individuell zu schauen, wie wir dieses Konzept mit Ihren vorhandenen Stärken verbinden können. Doch prinzipiell gilt: Ja! „Frihet under ansvar“ ist auch bei Ihnen möglich. Es mag länger dauern, weil die Mentalität der nordischen Länder schon in der frühkindlichen Erziehung der Nachwuchskräfte zu sehen ist. Doch es geht. Und es lohnt sich. Denn wann immer nur eine Person im Unternehmen wächst, wächst das Unternehmen mit.


Mehr

Wer mehr von Maike van den Boom und / oder dieses Thema hören möchte, kann das beim CCJ tun:


Interview-Partnerin

Maike van den Boom ist Bestsellerautorin und eine der bekanntesten Glücksforscher:innen Deutschlands.
Sie hilft Unternehmen im DACH Raum bei ihren Transformationsprozessen nach dem Vorbild der hoch digitalisierten und innovativen Skandinavier:innen. Maike van den Boom gibt dabei Impulse durch Keynotes und Workshops und begleitet Unternehmen langfristig als Sparringspartnerin.
Nachdem sie in Deutschland, den Niederlanden und Mexiko gelebt hat, wohnt sie seit 2018 in Stockholm. Ihr jüngstes Buch heißt „Acht Stunden mehr Glück – Warum die Menschen in Skandinavien glücklicher arbeiten und was wir von ihnen lernen können“ (Fischer 2018, www.maikevandenboom.de/buchautorin).
www.MaikeVanDenBoom.de/happy-nordic-leadership


 

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