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ChatGPT Gehaltsverhandlung

ChatGPT verspricht, User dabei zu unterstützen, sich auf Gehaltsverhandlungen vorzubereiten, indem es Tipps gibt, wie Sie Ihre Forderungen überzeugend präsentieren können. Doch wie realistisch und plausibel sind die Tipps der künstlichen Intelligenz?

Gehaltsexperte Conrad Pramböck hat sich die Empfehlungen im Detail angesehen.

INHALT

Der folgende Dialog wurde von ChatGPT verfasst

Vertriebsmitarbeiter (VM): Guten Morgen, Chefin! Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Ich wollte fragen, ob wir uns kurz über mein Gehalt unterhalten könnten.

Chefin (C): Guten Morgen! Klar, setzen Sie sich. Was haben Sie auf dem Herzen?

VM: Vielen Dank, Chefin. Ich arbeite jetzt seit zwei Jahren in dieser Firma und habe während dieser Zeit viel erreicht. Ich konnte unseren Kundenstamm erheblich erweitern und die Verkaufszahlen steigern. Ich habe das Gefühl, dass meine Leistungen nicht angemessen honoriert werden und würde daher gerne über eine Gehaltserhöhung sprechen.

C: Ich verstehe Ihren Standpunkt und schätze Ihre Arbeit sehr. Sie haben in der Tat hervorragende Ergebnisse erzielt. Allerdings müssen wir auch die gesamtwirtschaftliche Situation und die finanzielle Lage unseres Unternehmens berücksichtigen. Können Sie mir einen konkreten Vorschlag machen, wie viel Gehaltserhöhung Sie sich vorstellen?

VM: Natürlich, ich habe mir Gedanken gemacht und meine Leistungen mit Branchenstandards verglichen. Ich denke, eine Gehaltserhöhung von 15% wäre angemessen, um meine Erfolge und meinen Wert für das Unternehmen widerzuspiegeln.

C: 15% ist ein beachtlicher Betrag. Ich verstehe, dass Sie nach einer Erhöhung suchen, aber wir müssen auch die Gehälter Ihrer Kollegen und die finanziellen Einschränkungen des Unternehmens berücksichtigen. Lassen Sie mich Ihnen einen Gegenvorschlag machen: Wie wäre es mit einer Erhöhung von 8% und zusätzlich der Möglichkeit, an einem Bonusprogramm teilzunehmen, bei dem Sie aufgrund Ihrer Leistung bis zu 5% Ihres Jahresgehalts als Bonus erhalten können?

VM: Ich verstehe Ihre Bedenken hinsichtlich der finanziellen Situation des Unternehmens. Würden Sie in Betracht ziehen, die Gehaltserhöhung auf 10% anzuheben und das Bonusprogramm beizubehalten? Auf diese Weise wäre ich motiviert, weiterhin hart zu arbeiten, und würde mich gleichzeitig fairer entlohnt fühlen.

C: Ich schätze Ihren Kompromissvorschlag. Lassen Sie mich darüber nachdenken und die Zahlen prüfen. Ich werde mich innerhalb der nächsten Tage bei Ihnen melden, um Ihnen eine endgültige Antwort zu geben.

VM: Vielen Dank, Chefin, dass Sie sich die Zeit genommen haben, über meine Anliegen zu sprechen. Ich freue mich auf Ihr Feedback.

[Eine Woche später]

C: Guten Morgen! Ich habe Ihre Gehaltserhöhung geprüft und mit der Finanzabteilung gesprochen. Wir sind bereit, Ihnen eine Gehaltserhöhung von 10% zu gewähren und Sie in das Bonusprogramm aufzunehmen. Wir schätzen Ihre harte Arbeit und möchten, dass Sie wissen, dass Ihre Beiträge zum Unternehmen anerkannt werden.

VM: Guten Morgen, Chefin! Das sind großartige Neuigkeiten! Vielen Dank, dass Sie meine Anliegen berücksichtigt haben und bereit sind, meine Leistungen anzuerkennen. Ich werde weiterhin mein Bestes geben, um das Unternehmen voranzubringen

Feedback des Gehaltsexperten

Insgesamt verlief das obige Gehaltsverhandlungsgespräch recht konstruktiv und respektvoll. Beide Parteien brachten ihre Anliegen auf verständliche Weise zum Ausdruck und zeigten Bereitschaft, einen Kompromiss zu finden. Hier sind einige Punkte, die gut gelaufen sind und einige Aspekte, die verbessert werden könnten:

Gut gelaufen

  • Der Vertriebsmitarbeitende (VM) bereitete sich gut auf das Gespräch vor, indem er seine Leistungen hervorhob und einen konkreten Vorschlag für die Gehaltserhöhung machte.
  • Die Chefin (C) hörte aufmerksam zu und zeigte Verständnis für die Anliegen des Mitarbeitenden.
  • Beide Parteien zeigten Flexibilität und Bereitschaft, einen Kompromiss zu finden, der für beide Seiten akzeptabel ist.

Verbesserungspotential

  • Der Vertriebsmitarbeiter hätte konkretere Beispiele für seine Erfolge und Leistungen vorbringen können, um seinen Forderungen mehr Gewicht zu verleihen. Auch das Argument der Branchenstandards ohne Nennung einer konkreten Quelle ist für die konkrete Forderung zu dünn.
  • Das Wort „Gehaltserhöhung“ halte ich für kritisch. Ich empfehle „Gehaltsanpassung“, denn das Gehalt soll nicht erhöht, sondern an den größeren Kundenstamm und die höheren Verkaufszahlen angepasst werden.
  • Die Chefin hätte stärker auf seinem Standpunkt beharren müssen, warum eine höhere Gehaltserhöhung nicht machbar ist. So hinterlässt er den Eindruck, dass er schwach ist, um gegenüber dem Mitarbeitenden nett zu sein. Sie ist jedoch nicht der Anwalt des Mitarbeitenden, sondern Vertreterin des Arbeitgebers und sollte in der Rolle als Führungskraft entsprechend auftreten.
  • Beide Parteien hätten klarere Kriterien und Benchmarks für die Bonuszahlungen festlegen können, um Missverständnisse zu vermeiden.

Aus Sicht der Verhandlungsführung lässt sich sagen, dass der Vertriebsmitarbeiter in dieser Verhandlung erfolgreicher war. Er erreichte eine Gehaltserhöhung von 10%, was seinem Kompromissvorschlag entspricht, und wurde zusätzlich in das Bonusprogramm aufgenommen. Der Vertriebsmitarbeiter zeigte Durchsetzungsvermögen, indem er seine Forderung begründete und einen Kompromiss vorschlug, der für beide Seiten akzeptabel war. Die Chefin, obwohl sie sich um die finanzielle Situation des Unternehmens sorgte, erkannte die Leistungen des Mitarbeitenden an und stimmte einer Gehaltserhöhung zu, die über seinem ursprünglichen Gegenvorschlag lag.

Fazit

Die Verhandlungssituation ist grundsätzlich realistisch geschildert. Der Vertriebsmitarbeiter tritt gut vorbereitet und keck auf, wie es auch dem Berufsbild eines Verkäufers durchaus entspricht. Dem Chef empfehle ich ein Verhandlungstraining, denn er gibt zu leichtfertig seinen Standpunkt auf. Würden alle Chefs ihren Mitarbeitenden ohne längere Verhandlung 10% Gehaltserhöhung und einen Bonus gewähren, hätte das Unternehmen wohl bald ein ernsthaftes Kostenproblem. Für einen ersten fundierten Einstieg ist ChatGPT in dieser Form jedenfalls brauchbar. Für mehr Details und zum Abgleich der persönlichen Situation müsste die künstliche Intelligenz noch weiteren Kontext erhalten.

ChatGPT setzt für viele Berufsgruppen sicherlich einen neuen Standard und gibt brauchbare Informationen zum Nulltarif. Allerdings habe ich keine Bedenken, dass die Berufsgruppe der Karriereberatenden demnächst arbeitslos wird, denn in Coachingsituationen geht es nur zu einem gewissen Teil um fachliche Fragen. Überwiegend geht es um das Gefühl, einem menschlichen Experten gegenüberzusitzen, der einfühlsam an der richtigen Stelle die passenden Worte findet und die Coachees nicht nur sachlich, sondern auch emotional und seelisch durch einen schwierigen Prozess erfolgreich begleitet.

ChatGPT im Expertencheck: Gehaltsverhandlung mit Künstlicher Intelligenz

Dr. Conrad Pramböck | Teil unseres fixen Autoren-Teams

Dr. Conrad Pramböck ist CEO bei Upstyle Consulting und Experte für Gehalts- und Karrierefragen. Er berät Unternehmen weltweit zum Thema Gehalt und ist Lektor an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen zu Compensation und Human Resource Management. Er ist Autor mehrerer Bücher über Gehalt und Karriere, unter anderem des Bestsellers "Die Kunst der Gehaltsverhandlung".

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