Führungskräfte & Unternehmer im Spannungsfeld Vertrauen & Mensch vs. Optimierung mit KI. Das 9. Corporate Culture Jam Jahresforum bietet spannende Einsichten – und Aussichten durch die Fenster des Glaspavillons in Neuhaus/Triesting.
Event-Eckdaten: Corporate Culture Jam | Veranstalter: Succus | Neuhaus
- Event-Bericht: 12mai2026
- www.corporate-culture-jam.at
Gewohntes hinterfragen & mutig neue Wege gehen
Das haben sich Succus (Helmut Blocher) als Veranstalter und Georg Wolfgang (Culturizer) in der Moderation für den 9. CCJ vorgenommen. Neue Wege gehen braucht es schon bei der Anreise – wer war schon mal in Neuhaus an der Triesting? Spannend ungewöhnlicher Ort – ein ehemaliger Kurort, umringt von herrlichen Waldhügeln und riesigen, teilweise verlassenen Jahrhundertwende-Villen.
Wir haben viel Raum im Starlinger Glaspavillon – das tut der Weite des Denkens gut. Wolfgang navigiert uns durch ein herzliches Kennenlernen über unsere wichtigste, aktuelle Selbstbeschreibung – viele wählen „kreativ“ und „mutig“ aus den Kärtchen der Culturizer.
Geburt ist eine Disruption
Besonders die von Dr. Thomas Pisar, Physiker & Executive Advisor, der die Eingangskeynote hält. „Ich war eine Zangengeburt und deswegen habe ich auch eine Mechanophobie,“ sagt er mit fein dosiertem Zynismus. Er hält sich also fern von Werkzeugen und stattdessen an das soziale System – den kohlenstoffbasierten Elementen. Organisation ist ein Dreiklang geworden: Zum sozialen und technischen System kommt ein drittes, gleichwertiges hinzu: das KI System.
Seine gute Nachricht ist: es bleibt genug Platz für den Menschen. „Neue Hypothesen aufstellen, ganzkörperlich eine Situation erfassen, implizites Handlungswissen – all das kann die KI nicht. Wir lassen uns da unterstützen, wo wir nicht so stark sind – beim induktiven und deduktiven Schlussfolgern.“ Später am Tag wird Christoph Wirl dem widersprechen und uns ordentlich schockieren.
Aber bleiben wir mal hier. „Der Mensch ist nicht die größte, schönste oder schnellste Spezies, aber die anpassungsfähigste.“
Radikale Ehrlichkeit in der Transformation
Gleich drei Speaker zeigen mutig ihre verletzliche Seite.
Beispiel 1: Ein dunkles, vertäfeltes Jägerkammerl im gemieteten Schloss bietet für Stefan Pfeffer (Microtronics) und beratend für Reingard Winter-Hager (moodmap) eine Stunde der Wahrheit in der Board-Klausur. „Wir haben uns nach 20jähriger Zusammenarbeit einer ehrlichen Vertrauensfrage gestellt,“ erzählt Pfeffer. „Der Haarriss in unserem Board war nämlich ein Krater in den anderen Ebenen der Organisation.“ Stichwort: schöpferische Zerstörung und Ende der Illusionen.
Beispiel 2: Leopold Leonhartsberger (STRABAB) teilt im Interview jenen Moment, der ihm gezeigt hat, dass er seine Sache als Führungskraft wirklich gut macht: Als sich die interne Whistleblower bei ihm outet und sinngemäß schreibt: „Ich hätte nicht gedacht, dass echt gehandelt wird und ich vertrauen kann. Danke.“
Alles hinterfragen als Unternehmer. Kann das gut gehen?
Beispiel 3 ist Gerhard Filzwieser, Inhaber des gleichnamigen Kunststoffverarbeiters. Er erzählt von seiner persönlichen Sinnkrise. „Warum gehe ich überhaupt jeden Tag ins Unternehmen?“ Er beginnt radikale Fragen zu stellen über Wachstum, über Kunden und über Hierarchie. Es ist mucksmäuschenstill im Raum – auf die allerbeste Art. Weg vom Verstand und hin zu Intuition und Gefühlen im Unternehmen? „Das Ego wird weniger, wenn die Hierarchie abgeschafft wird. Ein stellenweise schmerzhafter Prozess.“ Und spannend: Industrietechnik Filzwieser ist jetzt erfolgreicher denn je und Gerhard ist einer von allen.
Alle aufwachen, bitte! Ein KI-Schock
Christoph Wirl (superintelligenz.eu) serviert uns einen Schock statt dem titelmäßig zu erwartenden Optimismus. Wieder ist es still, aber anders als bei Filzwieser. „Open AI macht Milliarden Miese. Die Investoren bleiben. Denn es geht hier nicht darum ein Unternehmen zu führen, sondern Branchen zu übernehmen. Branchen! Zum Beispiel den Recruitingmarkt – mit 2033.“
Dann rückt es noch krass näher, sein dystopisches Bild: Die zweite Branche, die laut Wirl übernommen werden soll ist die Versicherungsbranche. Und ein Testland dafür – weil es klein ist – ist Österreich. Ziel: 2030. 50% günstigere Tarife werden den Weg ebnen. „Wir müssen hinschauen!“ schließt er. Die AGI, die artifical general intelligence, die es in Kürze geben wird, werden wir in keiner Weise mehr nachvollziehen können. Der Intelligenzabstand von uns zur AGI wird circa so sein, wie vom Schimpansen zu uns – das Fünffache.
Wie man einen Schock in eine Chance verwandelt
Ekaterina Chesnokova (Würth Österreich) bekam auch einen Schock, nämlich 2024 als das Budget der HR-Abteilung um 70% gestrichen wurde. Was jetzt? In Wertlosigkeit und Handlungsunfähigkeit versinken? „Eigentlich hat es mir in die Karten gespielt – das bisherige PE-System, das wollte ich so nicht mehr. Jetzt hatte ich die Chance, es ganz anders aufzusetzen,“ lacht sie.
Was hat sie also gemacht? Die Sales-Teamleiter endlich in ihre Verantwortung genommen. Sie in einen Train-the-Trainer gesteckt. Und siehe da, es hat sogar viel Spaß gemacht – und sie haben selbst ihre Mitarbeitenden zu einem Fokusthema qualifiziert.
Ausklang
Kleiner ist er geworden der CCJam und etwas weniger kreativ-spektakulär. Aber er ist gleichermaßen herzlich und wurde aus meiner Sicht intimer – auch in der Moderation, den Keynotes und Praxisbeispielen. Ich fand das richtig gut. Holt mich voll ab. Die Location war etwas abgelegen, aber sehr schön – moderne & alte Strukturen vereint, mit viel Tageslicht und Grün vorm Fenster. Vielen Dank, Helmut Blocher & Team! Ich komme wieder.
Fotos: ©Succus und Eva Selan
HRweb vor Ort beim Corporate Culture Jam | Radikale Ehrlichkeit im Glaspalast


