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Werte als Schlüssel zum Verständnis anderer Kulturen

Hinter unterschiedlichen Verhaltensweisen stehen bestimmte Wertehaltungen. Wie geht persönliche Freiheit mit Ehrverhalten, das sich oft im Einengen der Bewegungsfreiheit von Frauen äußert, einher, und wie ist Gesicht-Wahren, bei dem eine wahrheitsgemäße Darstellung eines Sachverhalts gar nicht wichtig ist, zu verstehen?

 

Unsere Welt der kulturellen Verflechtungen

Durch die Globalisierung im 20. Jahrhundert erleben wir kulturelle Vermischungen in den Nationalstaaten verstärkt und nehmen sie bewusster wahr. Aus diesem Grund sind systematische Kulturvergleiche wie z.B. von Geert Hofstede oder Fons Trompenaars und damit die gesamte interkulturelle Thematik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt erst aufgekommen. Heute erleben wir, dass wir in allen unseren Lebensbereichen mit kultureller Vielfalt zu tun haben.

Deshalb ist es heute unsere Aufgabe, kulturelle Vielfalt anzuerkennen und sie nicht als Problem darzustellen. Der „interkulturelle Blickwinkel“ führt dazu, die Ressourcen einer kulturell diversen Gesellschaft zu nutzen. Dies ist ein Grund, weshalb die Entwicklung interkultureller Kompetenz und Diversity Management – der Umgang mit der Vielfalt unserer Gesellschaft – heute in immer mehr Unternehmen eine zentrale Stellung in der Personalentwicklung einnimmt.

Andere Wertehaltungen verstehen: Familienehre

Der Umgang mit unterschiedlichen kulturellen Wertehaltungen ist nicht immer leicht.

Familienehre beispielsweise ist ein bedeutender Bestandteil der Wertehaltungen im Migrationsmilieu. Um heutige Erscheinungsbilder wie übermäßiges Beschützen und Einengen der Bewegungsfreiheit junger Frauen, Fernhalten von Bildung, Zwangsverheiratung oder Ehrenmord erklären zu können, ist es nötig mehr über die Familienehre zu wissen. Die Ehre der Familie steht für gesellschaftliches Ansehen. Individuelle Wünsche  werden daher eher dem Interesse der Familie unterstellt. Strenge Verhaltensregeln dienen dem guten Ruf der Familie. Daraus ergeben sich genau definierte Rollen für Männer und Frauen. Der Mann vertritt nach außen die Familienehre und schützt und verteidigt sie. Beleidigungen oder Ehrverletzungen werden unmittelbar vergolten, mitunter unter Anwendung von Gewalt. Frauen sind zu einem strengen Verhaltenskodex gezwungen, um die Ehre ihrer Familie zu wahren. Von daher ist die Einengung ihrer Bewegungsfreiheit zu verstehen. Sie sollten sich auf keinen Fall Situationen aussetzen, in denen ihre Ehre auf dem Spiel stehen könnte – etwa durch die Gegenwart fremder Männer bei Kaffeehaus-Besuchen oder auch im Zuge von Berufstätigkeit. Die Verpflichtung zur Wahrung der Familienehre ist vor allem in der Migration wichtig. Empirische Untersuchungen zeigen, dass gerade traditionelle Werte wie die Familienehre besonders hochgehalten werden: Sie stärkt einerseits den inneren Zusammenhalt und erweitert andererseits den Einfluss der Familie in der Migration und im Heimatland – etwa durch eine bestimmte Heiratspolitik oder Geschäftsbeziehungen innerhalb der Familie (vgl. Boris Cyrulnik, Scham, Präsenz Verlag 2011).

Familienehre im Migrationskontext

Im Kontext unserer eigenen Kultur erscheint uns die Betonung der Familienehre befremdlich, da sie stark von unserem Wert der persönlichen Freiheit abweicht. Verständnislos sehen wir daher viele junge Frauen im Migrationsmilieu, wie sie unter diesem starken Druck von Seiten ihrer Familie leiden, aber nicht ihren eigenen Weg gehen können. Sie stehen in einem schweren Konflikt zwischen ihren persönlichen Bedürfnissen und den Anforderungen des Ehrenkodex. Nur bei einer gelungenen kulturellen Anpassung der gesamten Familie gelingt es, einen Mittelweg zwischen den eigenen Werten und denen des Einwanderungslandes zu finden (vgl. Pittu Laungani, Understanding Cross-Cultural Psychology, Sage Publications 2007).

Das Bild nach außen muss stimmen

Ein weiterer Wert, der sich nur schlecht in unser individualistisches Weltbild fügt, ist der Wert des Gesicht-Wahrens, den man vor allem aus asiatischen Kulturen kennt. Gesicht-Wahren äußert sich im Vermeiden von Peinlichkeiten, Wahren von Höflichkeitsritualen und Hintanstellen persönlicher Bedürfnisse. Gesicht-Wahren wahrt den Schein nach außen und befolgt die Regeln von Ehre, Würde und Respekt. Eine wahrheitsgemäße Darstellung von Sachverhalten ist in diesem Kontext daher nebensächlich. Es geht vielmehr um das Bild nach außen. Man gibt sich keine Blöße, man brüskiert andere nicht. Konfliktvermeidung und Aufrechterhalten eines perfekten Bildes stehen daher im Vordergrund. Im internationalen Geschäftskontext erleben wir, dass ein Ja oft kein wirkliches Ja ist, sondern viele Bedeutungen haben kann, oder man ein Nein kaum hört – aus Höflichkeit, den anderen nicht zu brüskieren (vgl. Ning Huang, Wie Chinesen denken, Oldenburg Verlag 2008).

Harmonie: Betonung von Unterschieden oder Gleichheit?

In der westlichen Sozialordnung gehen wir von der Gleichheit aller Menschen aus, unabhängig vom sozialen Status: vor dem Gesetz sind alle gleich. Ganz besonders widerspiegelt sich diese Haltung auch in der heutigen südafrikanischen Ethik der Postapartheid, die den Wert des gegenseitigen Respekts und der Menschenwürde in den Vordergrund stellt, eine Ethik, die auf dem alten afrikanischen Konzept von Mitmenschlichkeit, Ubuntu, beruht (vgl. Roland Nicolson, Persons in Community. African Ethics in a Global Culture, University of KwaZulu-Natal Press, 2008). In der konfuzianischen Sozialordnung wie in China oder Japan stehen hingegen die Unterschiede  zwischen den Menschen im Vordergrund. Die Betonung liegt auf den unterschiedlichen hierarchischen Beziehungen und daher auf der Vielzahl von Verhaltensregeln, an die man gebunden ist, um seine Verpflichtungen innerhalb des sozialen Netzwerkes zu erfüllen. Dies basiert auf den fünf fundamentalen Beziehungen nach Konfuzius, die auf Hierarchien und gegenseitigen Verpflichtungen beruhen (vgl. Konfuzius, Gespräche, Nikol Verlag 2011). Deshalb sind Disziplin, Unterordnung und Zurückstellen der persönlichen Bedürfnisse wichtig. Diese Einstellung ist für Europäer schwer nachzuvollziehen, da wir eher unser Leben im Sinne von Selbstverwirklichung gestalten. Harmonie bedeutet für uns, nach dem Gleichheitsprinzip allen Mitgliedern unserer Gesellschaft zu erlauben, sich selbst zu verwirklichen.

Leben in einer kulturell vielfältigen Gesellschaft

Dieser Blick in ganz andere Wertehaltungen zeigt, dass Werte wie Freiheit, Gleichheit und Selbstverwirklichung nicht in allen Kulturen diesen hohen Stellenwert haben wie bei uns. In Einwanderungsgesellschaften stoßen daher sehr unterschiedliche Wertehaltungen aufeinander. Interkulturelle Kompetenz besteht darin, auch ganz andere Wertehaltungen anzuerkennen und sie in ihrem kulturellen Kontext zu sehen. Denn Werte geben Halt und Orientierung. Es ist gut, zuweilen auf sie zurückgreifen zu können.


Literatur-Tipp

Karin Schreiner: Würde, Respekt, Ehre. Werte als Schlüssel zum Verständnis anderer Kulturen. Hans Huber Verlag, Hogrefe Gruppe, 2013, Link zum Buch, direkt beim Verlag, Link zur Buch-Vorstellung im HRweb Fachbuch-Corner

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4 Kommentrare

  1. Hans-Peter Korn am

    Da möchte ich zur Vorsicht mahnen: All diese Aussagen (wie etwa auch in „Culture, Leadership, and Organizations: The Globe Study of 62 Societies“ http://www.amazon.de/dp/0761924019/ref=rdr_ext_tmb) sind letzten Endes statistisch unterfütterte Aggreggierungen, die auf kaum einen der real existierenden Menschen in der jeweiligen Gruppe zutreffen.
    So etwa ist der/die Durchnittsdeutsche (aus http://www.welt.de/vermischtes/article4539917/So-durchschnittlich-sind-die-Deutschen.html) so definiert:

    „Der Durchschnitts-Mann heißt Thomas oder Michael, ist 1,78 Meter groß, dunkelblond und sagt zwischen 4000 bis 12.000 Wörter am Tag, die Durchschnittsfrau aus Deutschland dagegen bis zu 23.000. Sie wiegt 67,5 Kilogramm, hat 1,34 Kinder und fährt einen silberfarbenen VW-Golf. An dessen Innenspiegel hängt am häufigsten ein Duftbäumchen, das nach Vanille riecht. Jeder Deutsche ist am meisten genervt von Kochsendungen, wird in seinem Leben durchschnittlich rund eine Million Euro ausgeben, davon 34.000 Euro allein für Weihnachtsgeschenke.“
    Sind wir also gut beraten, der deutschen Kollegin auf jeden Fall mal ein Duftbäumchen mit Vanille-Geruch zu schenken?

    Und das: „Disziplin, Unterordnung und Zurückstellen der persönlichen Bedürfnisse (sind) wichtig. Diese Einstellung ist für Europäer schwer nachzuvollziehen, da wir eher unser Leben im Sinne von Selbstverwirklichung gestalten.“ stimmt sicher nicht für ALLE Europäer: Es hänngt u.a. davon ab, was wir unter „Europäer“ verstehen … und ein alleinerziehender Elternteil in einem – prekären, aber immerhin einigermassen sicheren – Arbeitsverhälrnis wird „Disziplin, Unterordnung und Zurückstellen der persönlichen Bedürfnisse“ mit sicherheit über die „Selbstverwirklichung“ stellen.
    Und wenn ich verschiedene aktuelle Ereignisse in Südafrike sehe, dann vermag ich die Haltung „der Ethik der Postapartheid, die den Wert des gegenseitigen Respekts und der Menschenwürde in den Vordergrund stellt, eine Ethik, die auf dem alten afrikanischen Konzept von Mitmenschlichkeit, Ubuntu“ nicht immer zu erkennen. Leider.

    Ich halte es für gefährlich, sich an solche kollektivistischen Aussagen zu orientieren und den einzelnen und einzigartigen Menschen durch die Brille dieser Generalisierungen zu sehen. Ich halte mich hier an Heinz von Foerster:
    „Ich kenne kein Kollektiv. Wo ist es? Einem Kollektiv kann man nicht die Hand schütteln, man kann es nicht umarmen und sich nicht mit ihm an einen Tisch setzen und fragen, wie es ihm geht, ob es Schmerzen hat, warum es lacht oder weint. Wir haben es hier mit einem Begriff zu tun, der den direkten Bezug von Mensch zu Mensch verhindert.“

  2. Eva SELAN am

    Hallo Herr Korn,

    danke für Ihr anhaltendes Interesse an diesem Thema, wir hatten ja bereits eingehend auf Xing darüber diskutiert. Hier gebe ich das Wort gerne direkt an die Autorin weiter.

    Bg, Eva Selan

  3. Karin Schreiner am

    Hallo Herr Korn,
    vielen Dank für Ihre interessanten Ausführungen. Es ist natürlich nicht im Sinne einer interkulturellen Auseinandersetzung, Generalisierungen zu unterstreichen. Meine interkulturelle Auseinandersetzung mit unterschiedlichen kulturellen Verhaltensweisen führte mich zu den Wertehaltungen als deren Basis. Dabei zeigt sich, dass Werte auf ganz unterschiedlichen, historisch gewachsenen Anschauungen und Weltsichten beruhen und man erkennt in verschiedenen Kulturen die Tendenz, dass nicht immer der einzelne und einzigartige Mensch im Mittelpunkt steht, sondern vielmehr eine Gruppe von ganz konkreten Menschen, wie Familien oder Klans, und die Wünsche einzelner Personen in konkreten Fällen den jeweiligen Gruppeninteressen untergeordnet werden. Natürlich ist jede Begegnung zweier Menschen einzigartig, deren jeweilige Sozialisierung ist aber immer kulturell bedingt.
    Herzliche Grüße aus Wien, Karin Schreiner

  4. Hans-Peter Korn am

    Hallo Frau Schreiner,

    „…dass nicht immer der einzelne und einzigartige Mensch im Mittelpunkt steht, sondern vielmehr eine Gruppe von ganz konkreten Menschen, wie Familien oder Klans, und die Wünsche einzelner Personen in konkreten Fällen den jeweiligen Gruppeninteressen untergeordnet werden“ hängt ja sehr stark davon ab, wie ICH dem „einzigartigen Menschen“ begegne: Sehe ich ihn als untergeordnet einem Kollektiv / einer Gruppe – oder als Individuum?
    Selbst dann, wenn ich den Eindruck (= meine Wahr“gebung“) habe, dass „Wünsche einzelner Personen in konkreten Fällen den jeweiligen Gruppeninteressen untergeordnet werden“ liegt es an MIR, dennoch dem Menschen als einzigartiges Indivuduum zu begegnen.

    Wenn ICH das nicht so handhabe, dann bin ich rasch in den Gefielden der leider wieder zunehmenden vereinfachenden Generalisierungen die dann leicht zum offensichtlichen Rassismus führen.

    All diese Studien – einschliesslich die von Hofstede – verführen allzu leicht in diese Richtung.
    Da frage ich mich: Wie nimmt die Wissenschaft ihre Verantwortung wahr, dass diese Studien nicht den Rassismus anfeuern?
    Leider merke ich nichts davon.

    Beste Grüsse nach Wien (von einem Ottakringer in der Schweiz)
    Hans-Peter Korn

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