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Loyalität | Warum Mitarbeiter den extra Meter (nicht) mehr gehen

Loyalität in der Arbeitsbeziehung – ein Verhalten, das in der heutigen Wirtschaftswelt keine Bedeutung mehr zu haben scheint. Und ein Begriff wie aus längst vergangenen Zeiten. Zumindest ist das die subjektive Wahrnehmung des Autors dieser Zeilen, genährt aus den Eindrücken vieler Gespräche in den letzten Monaten.

Egal, ob persönlicher Gedankenaustausch im Bekanntenkreis oder – zwangsbeglückt – als stiller Lauscher im öffentlichem Verkehrsmittel: Immer weniger Menschen scheinen ihren Job gerne auszuüben. Im Besonderen gilt das für jene, die seit vielen Jahren im selben Unternehmen tätig sind. Unverständnis, Demotivation und Frust  sind hier oft die bestimmenden Faktoren, wenn es um die Befindlichkeit im Job geht. Und das in einem Ausmaß, welches über das „normale Jammern“ hinaus geht.

Loyalität = Ein Auslaufmodell in der Arbeitsbeziehung

Ein Hauptgrund für diese Entwicklung liegt in den vielen Neu- und Umstrukturierungen der vergangenen Jahre. Der massive Veränderungsdruck hat in den Unternehmenskulturen Spuren hinterlassen. Und vielerorts die „echte“ Führungskultur sichtbar gemacht. Mit dem Effekt, dass durch unpopuläre Maßnahmen zwar Kosten gesenkt wurden. Allerdings um den (nicht nachweisbaren) Preis, dass viele Mitarbeiter seitdem  mit Dienst nach Vorschrift antworten.

Auch die Ergebnisse einer ganz aktuellen Studie des deutschen Gallup Institutes zum Thema „Mitarbeiterzufriedenheit“ stützen diese Eindrücke.  Die Umfrage kommt zu alarmierenden Ergebnissen für die Entscheidungsträger in den Unternehmen: Obwohl die Wirtschaft in Deutschland brummt, machen 70 % der Dienstnehmer nur noch Dienst nach Vorschrift. Und noch schlimmer: 15 % der Beschäftigten haben innerlich bereits gekündigt.

Die Gründe für diese negative Entwicklung werden in der Studie auch genannt. Zum einen bemängeln viele Mitarbeiter nach wie vor die fehlende Möglichkeit, Beruf und Privatleben in einem vernünftigen Ausmaß zu vereinbaren. Besonders kritisch wird aber die Qualität in der Mitarbeiterführung beurteilt. Viele Mitarbeiter sind mit ihren Chefs unzufrieden. Das ist insofern bemerkenswert, da sich laut dieser Umfrage satte 97% der Manager selbst für eine gute Führungskraft halten. Hier liegen Fremd- und Selbstbild weit auseinander.

Führungskultur sichert Mitarbeiter-Loyalität

Für die Leistungsfähigkeit der Unternehmen sind die oben genannten Zahlen ein Horrorszenario. Nicht genug, dass viele Unternehmen über Probleme klagen, qualifizierte Bewerber am Arbeitsmarkt zu finden. Gleichzeitig kündigen immer mehr etablierte Mitarbeiter jenes Commitment, das sie langjährig ungefragt und gerne in ihren Job eingebracht haben.

Identifikation mit dem Unternehmen, Engagement und Motivation im Job – das waren jene Attribute, die den „extra Meter“ ausgemacht haben. Oder anders gesagt, innovative Ideen einzubringen, Missstände und Fehler aufzuzeigen oder einfach auch nur positiv über das eigene Unternehmen in der Außendarstellung zu sprechen. Dazu sind viele Mitarbeiter nicht mehr bereit. Im Gegenteil: Die schlechte Nachrede der frustrierten eigenen Mitarbeiter kann für Unternehmen zu einem massiven Imageproblem werden.

Fehlende Wertschätzung durch die Führungskräfte, mangelnde Feedbackkultur und unklare Zielvorgaben sind die Hauptgründe für das Aufkündigen der Loyalität durch die Mitarbeiter. Das kommt den Unternehmen teuer zu stehen. Laut Gallup-Institut entsteht der deutschen Wirtschaft durch dieses fehlende Engagement ein jährlicher Schaden von 105 Milliarden Euro. Darin noch nicht enthalten: Der Verlust von schwer ersetzbaren Leistungsträgern.

Kein Wunder, dass aktuell unzählige Programme zur Mitarbeiterbindung in vielen Unternehmen hochgefahren werden. Retention ist das Gebot der Stunde. In die Qualität der Führungskräfte-Entwicklung zu investieren, wäre hier mit Sicherheit die zielführendste Maßnahme.

Loyalität kann den Unterschied ausmachen

„Die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen machen mir keine Sorgen. Heikel wird es für unser Unternehmen erst dann, wenn die Mitarbeiter aufhören, den einen Meter extra zu gehen.“ Diese Aussage eines Personalleiters eines mittelständischen österreichischen Betriebes zeigt, wo die eigentlichen Risiken für viele Unternehmen lauern.

Nämlich dort, wo die Mitarbeiter nicht mehr bereit sind, sich aus Verbundenheit und Loyalität zum Unternehmen, mehr zu engagieren, als laut Job-Description von Ihnen erwartet wird. Dieser unsichtbare Mehrwert wurde in vielen Unternehmen in den letzten Jahren viel zu wenig geschätzt und beachtet.

Ungeschicktes und unüberlegtes Agieren der Führungskräfte hat vielerorts dazu geführt, dass immer mehr Mitarbeiter nun den Unternehmen die Loyalität aufkündigen. Nach dem Motto: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück.“

Schade, denn daraus entsteht in der Regel eine klassische Lose-Lose.Situation. Mit unangenehmen Folgen für beide Seiten.

 

 „Die Vernünftigen halten bloß durch, die Leidenschaftlichen leben.“
(Nicolas Chamfort, franz. Dramatiker)

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3 Kommentrare

  1. ulrich wanderer am

    Wie man in den Wald hineinruft…, genau so ist es!
    Somit aber haben wir auch die Chance, das Echo, welches wir aus dem Wald (oder eben dem Gegenüber) vernehmen wollen, selber in einer gewissen Art und Weise zu erzeugen, indem wir Vorschussarbeit leisten.
    Ein Dienstgeber, der sich bereits präventiv um seine Mitarbeiter bemüht, wird auch im Endeffekt deren Loyalität bekommen.

  2. Peter Rieder am

    Ich erlebe die beschriebene Haltung tatsächlich bei vielen meiner Kundenunternehmen. Was allerdings noch dazukommt, ist eine junge Generation, die realistisch genug ist, um die großen Karriereversprechen und Karotten vor der Nase nicht mehr zu glauben. Das wird oft als fehlende Loyalität ausgelegt, ist aber vollkommen nachvollziehbar, denn die dahinter liegende Haltung ist: „Wir haben schon viele 50+ Mitarbeiter_innen gesehen, die gehen mussten. Die haben alle brav Überstunden und Extra-Meter gemacht. Hat ihnen aber auch nix geholfen. Also erzählt mir nicht, dass das meinen Job absichert.“ Und wenn man es sich genau überlegt: Recht haben sie! Außerdem ist Österreich ohnehin schon Vizemeister bei Überstunden in der OECD Statistik.

  3. Harald Schmid am

    Lieber Herr Wanderer, lieber Herr Rieder,
    vielen Dank für Ihre Gedanken und Erfahrungen zu meinem Beitrag. Diese Statements (und jene, die mir direkt zugeschickt wurden) bestärken mich in der Meinung, dass vielen Unternehmen nicht bewußt ist, welches Risiko in Um- und Neustrukturierungen steckt. Alles Handeln scheint kurzfristigen Kosteneinsparungen untergeordnet zu sein. Um den Preis, mittelfristig weit höhere Personalkosten für selbst gezüchtete Söldnertruppen zu risikieren. Denn wenn auf Softfacts wie Loyalität kein Wert mehr gelegt wird, dann zählt auch für die Mitarbeiter nur mehr Cash. Und egal ob jung oder alt – den extra Meter gibt es dann sicher nicht mehr für den Dienstgeber…….

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