Manches Live-Online-Learning wirkt unglaublich lebendig. In einem Experten-Interview erfahre ich, wie Aktivierung, Storytelling und digitale Tools genau das ermöglichen.
Die Herausforderung liegt weniger in der Technologie als im didaktischen Design. Kurze Pausen, abwechslungsreiche Methoden, aktivierende Fragetechniken und hybride Lernmaterialien erhöhen Aufmerksamkeit und reduzieren Zoom-Fatigue. Online-Learning verlangt eine andere, oft intensivere Vorbereitung – bietet jedoch hohe Flexibilität, internationale Vernetzung und digitale Kompetenzentwicklung.
Tauchen wir gleich ein ins Interview:
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Experten-Interview
Lebendige Online-Learning-Elemente
Welche didaktischen Elemente sind entscheidend, damit ein Online-Learning (v.a. Live-Online-Learning) wirklich interaktiv und lebendig wird?
Michaela Baumgartner (Group Austria): Interaktiv und lebendig wird ein Online-Training, wenn es sich anfühlt wie ein kleiner virtueller Treffpunkt eines Präsenztraining. Man kann die Gruppe durch einfache Chat-Fragen aktivieren, und es entsteht Bewegung. Die Trainerperson kann eine kurze Geschichte erzählen, Fragen stellen und gibt Mini-Aufgaben, Polls zwischendurch und lädt zum Mitmachen ein. Breakout-Räume sind besonders beliebt: Die Teilnehmenden tauschen Ideen aus, lösen Aufgaben und kehren mit neuen Gedanken ins Plenum zurück. Auch ein Quiz bringt spielerische Spannung und ein bisschen Wettbewerb ins Lernen.
Mag. Claudia Prock (BFI Salzburg):
1. Kreatives Vorstellen der teilnehmenden Personen (z.B. mit Bildern, Symbol aus dem Raum, verbal oder auf digitalen Pinnwänden) / laufendes Ansprechen mit Namen (Voraussetzung: Namensliste)
2. Abwechslungsreiches Arbeiten: Grafiken / Input im Tun entstehen lassen (z.B. Dokumentenkamera, analoge Elemente einbauen), Screensharing nur kurz und mit gut aufbereiteten Folien, Breakout-Sessions, Abstimmungen mit Umfragen / Emojis, „Wasserfallchat“, ….
3. Die Zusendung von Arbeitsunterlagen vorab zur aktiven Bearbeitung während der Live-Online-Einheit – je nach Thema analog (z.B. Box mit Arbeitsblättern, kreativem Material etc.) oder digital.
Hailan Ruiz Morales (ICUnet.Group): Interaktives Live-Online-Learning entsteht durch klare didaktische Führung und bewusste Aktivierung – mit Fokus auf Medien- und Methodenvariation. Entscheidend sind transparente Spielregeln, etwa zu Kamera, Wortmeldungen und nonverbalen Reaktionen, die Beteiligung erleichtern und Dynamik sichtbar machen. Ebenso wichtig ist Methodenvielfalt: Folien dienen nur der Orientierung, nicht der Beschallung. Lebendig wird das Lernen, wenn Teilnehmende regelmäßig ins Mitdenken kommen – durch kurze Fragen, Mini-Quizformate, Reflexionsimpulse oder den Austausch eigener Beispiele. Ergänzt durch häufige kurze Pausen bleibt die Aufmerksamkeit auch in längeren Sessions erhalten.
Kleine Häppchen
Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Live-Online-Trainings sind dann lebendig, wenn Input in kleinen Häppchen kommt und dann gleich in die Umsetzung führt. Beispiele aus der Praxis machen den Input lebendig. Danach geht es gleich in die direkte Anwendung im Kontext der Teilnehmenden und den gegenseitigen Austausch. Das Pausen-Management ist wichtig, weil es viel öfter, dafür kürzere, Pausen braucht, als im Präsenztraining. Wir lockern mit speziellen Online-Bewegungsübungen und witzigen Warmups auf. Wo es passt, verwenden wir auch die KI als Trainings-Tool und zur Auflockerung wie zB zur Vorstellungsrunde oder zur Zusammenfassung der Erkenntnisse. Die Anleitungen an Einzel- und Gruppenarbeiten müssen schriftlich und sehr präzise formuliert werden. Auch die Skripten, Workbooks und Anleitungen brauchen eine spezielle Form, die Online-tauglich ist und über den Chat übermittelbar ist.
Mag. Manuela Klaushofer (careercenter): Hier braucht es eine Moderation, die Energie hält und Raum für Dialog schafft. Statt reiner „Folienschlacht“ braucht es Storytelling mit praxisnahen Beispielen aus dem Alltag der Teilnehmenden und einen klaren Spannungsaufbau. Die Dramaturgie im Hintergrund ist entscheidend. Wichtig ist die Aktivierung der Teilnehmenden durch kurze Impulssequenzen, sofortige Anwendung und Peer Austausch. Reflexionsfragen, die persönliche Relevanz bedeuten erhöhen den Alltagstransfer. Ein Wechsel aus Plenum, Kleingruppen und teilweise auch Einzelarbeiten erhöht die Lebendigkeit und lässt alle sichtbar werden.
Konkrete Tools fürs Online-Learning
Wie nutzen Sie digitale Tools (z. B. Breakouts, Whiteboards, Umfragen), um Teilnehmende zu aktivieren und kollaboratives Lernen zu ermöglichen?
Hailan Ruiz Morales (ICUnet.Group): Digitale Tools nutze ich gezielt als didaktische Hebel, um Beteiligung und Zusammenarbeit zu fördern. Breakout-Rooms ermöglichen Austausch in kleiner Runde und senken die Hemmschwelle zur Mitarbeit. Virtuelle Whiteboards (z.B. Mural) machen gemeinsames Denken sichtbar – von Brainstormings bis zur Priorisierung. Kurze Umfragen oder Quizformate (z.B. Mentimeter) bündeln Aufmerksamkeit und geben schnellen Rückkanal zur Gruppe. Wichtig ist mir dabei Abwechslung und klare Moderation, etwa durch die Verwendung von Zufallsgeneratoren oder Check-in-Generatoren statt offener Aufforderungen. So entsteht Aktivierung, ohne Druck aufzubauen, und kollaboratives Lernen wird konkret erlebbar.
Mag. Claudia Prock (BFI Salzburg): Breakout-Sessions nutze ich für den Austausch zu Gehörtem in Kleingruppen oder zur Arbeit an konkreten Fallbeispielen. Wenn ich damit weiterarbeiten möchte, notieren die Teilnehmenden ihre Ergebnisse in kollaborativ genützten Dokumenten mit (z.B. digitale Pinnwände, Shared Documents). Wichtig ist hier, ausreichend Zeit zu geben – oft müssen sie sich erst in der Kleingruppe orientieren, bevor sie ins Arbeiten kommen. Umfragen sind ein kurzes interaktives Element, entweder um in großen Gruppen schnell einen Überblick zu bekommen, z.B. wie das Vorwissen oder die Stimmung zu einem Thema ist. Sie dienen zum Priming eines Themas oder als Wiederholung.
Mag. Armand Kaáli-Nagy (ÖPWZ): Digitale Tools funktionieren, wenn sie Verantwortung auslösen: Jede Gruppe liefert ein Ergebnis, das später alle nutzen. Breakout-Rooms und Whiteboards werden sehr gut angenommen. Online lernt man nicht durch Zuhören, sondern durch Produzieren.
Pros & Cons bei Live-Online-Learning
Welche Vor- und Nachteile haben Live-Online-Learning-Formate?
FH-Prof. Dr. Christina Schweiger (FHWien der WKW): Synchrones Distance Learning bietet eine hohe räumliche und zeitliche Flexibilität und unterstützt damit die Vereinbarkeit von Studium, Familie und Beruf bei Studierenden wie auch Lehrenden. Zum anderen erleichtert es die Einbindung von internationalen Lehrenden oder Gastvortragenden aus dem Ausland. Ein zentraler Benefit ist auch das Erlernen digitaler Tools und Skills für das weitere Berufsleben, das durch Online-Settings gefördert wird.
Herausfordernd sind technische Abhängigkeiten, mögliche Aufmerksamkeits- und Ermüdungseffekte („Zoom Fatigue“) sowie die reduzierte nonverbale Kommunikation. Oft braucht es Überzeugungsarbeit, die Studierenden zur Nutzung ihrer Kameras zu motivieren. Zudem erfordert Online-Lehre ein anderes didaktisches Konzept, sodass eine Planung und Vorbereitung durchaus zeitintensiv(er) ausfallen kann.
Michaela Baumgartner (Group Austria): Live-Online-Learning ermöglicht ortsunabhängiges Lernen in Echtzeit und schafft ein gemeinsames Erlebnis trotz räumlicher Distanz. Die direkte Anwesenheit der Trainerperson erlaubt spontanes Nachfragen, klares Feedback und individuelle Begleitung. Gleichzeitig lässt sich das Format gut mit Beruf und Alltag vereinbaren, da Anreisezeiten entfallen.
Herausforderungen entstehen vor allem dann, wenn die Technik nicht stabil funktioniert. Auch soziale Nähe entwickelt sich online nicht von selbst und braucht eine bewusste, warmherzige Gestaltung. Häufig hören wir zudem, dass Inhalte durch zu viele PowerPoint-Folien eher vorgelesen als lebendig vermittelt werden. Wie im Vor-Ort-Setting erfordert das aktive Mitlernen eine besonders aufmerksame Begleitung durch die Trainerperson, da Ablenkung viel schneller möglich ist.
Nähe entstehen lassen
Wie entsteht im Online-Training Nähe zwischen den Teilnehmenden und zu den Vortragenden?
FH-Prof. Dr. Christina Schweiger (FHWien der WKW): Nähe entsteht online vor allem durch bewusst gestaltete soziale Momente: Ein persönlicher Einstieg, kleine Icebreaker und das aktive Einladen zu Sichtbarkeit per Kamera sowie Wortmeldungen fördern die Interaktion und Verbundenheit. Gemeinsame Reflexionen und ein Austausch in Breakout-Sessions schaffen Raum für individuelle Gesprächsbeiträge. Die Vortragenden tragen durch klare Gesprächsregeln, Storytelling und authentische Einblicke wesentlich zur Beziehungsgestaltung bei. Auch kontinuierliche Rückfragen, kurze Stimmungschecks und individuelle Anerkennung stärken das Miteinander. So kann trotz räumlicher Distanz ein Gefühl von Gemeinschaft und Vertrauen entstehen.
Mag. Armand Kaáli-Nagy (ÖPWZ): Nähe entsteht durch Sichtbarkeit und Verlässlichkeit: klare Rituale (Pausen, Eröffnung-, Frage- und Abschlussrunde), kleine Gruppen, persönliche Beispiele – und authentische Reaktionen auf das, was im Raum passiert. Und auch im Online-Training sind Humor, Menschlichkeit und Fehlerakzeptanz wichtig. Nähe ist keine Kamera-Frage, sondern eine Beziehungsarbeit. Die kann manchmal fordernd sein.
Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Gegenseitiger Austausch und Nähe ist auch online möglich – dazu braucht es „nur“ den guten Willen, sich auf das Medium „Online“ einzulassen. Als Vortragende biete ich immer wieder Austausch, indem ich von den Pausen früher zurückkomme und für Fragen zur Verfügung stehe. Außerdem plaudere ich mit den Teilnehmenden und bringe Humor ein und nütze Bilder und Musik zur Auflockerung. Breakout-Rooms fördern den Austausch unter den Teilnehmenden.
Persönlich & Storytelling
Mag. Manuela Klaushofer (careercenter): Nähe entsteht durch authentische Präsenz, persönliche Check-ins und Storytelling. Die Kameras sollen dazu möglichst eingeschaltet sein, um den Präsenzgedanken zu erhöhen. Durch die Arbeit an realen Herausforderungen, Kleingruppenübungen und Reflexion im Plenum entsteht ein vertraulicher Rahmen, der die Onlinekomponente fast vergessen lässt. Es darf auch gelacht werden. Verbindliche Follow-ups stärken die Beziehung über das Training hinaus.
Dr. Judith Girschik (ICF): Nähe entsteht durch Präsenz, nicht durch physische Distanz. Authentische Moderation, klare Gesprächsregeln und Raum für persönliche Reflexion schaffen Verbindung. Wenn Teilnehmende nicht nur konsumieren, sondern sich zeigen dürfen, entsteht Vertrauen. Storytelling wirkt auch digital – vielleicht sogar intensiver. Und kleine Rituale, etwa Check-ins oder Peer-Dyaden, fördern Beziehungskultur. Nähe ist kein Zufall. Sie ist ein bewusst gestalteter Prozess – auch online.
Fazit
Live-Online-Learning entfaltet seine Wirkung nur dann, wenn Didaktik und Moderation bewusst gestaltet sind. Eine klare Dramaturgie, aktivierende Methoden und eine Moderation, die Energie hält und Dialog ermöglicht, machen den Unterschied zwischen digitaler Beschallung und tatsächlichem Lernprozess.
Storytelling, persönliche Ansprache und verbindliche Rituale schaffen Vertrauen, selbst im virtuellen Raum.
Interviewte Personen
Lebendiges Live-Online-Learning: Methoden, Tools, Nähe
Hailan Ruiz Morales
- International and Intercultural Business Consultant
- ICUnet.Group
- Unternehmens-Profil
- https://www.icunet.group
Mag. Armand Kaáli-Nagy
- Geschäftsführer
- Österreichisches Produktivitäts- und
Wirtschaftlichkeits-Zentrum (ÖPWZ) - Unternehmens-Profil
- www.opwz.com
Dr. Judith Girschik
- President
- ICF | International Coaching Federation| Austria Chapter
- Unternehmens-Profil
- www.coachingfederation.at
Michaela Baumgartner
- Geschäftsführerin
- Group Austria – besser leben mit Bildung
- Unternehmens-Profil
- www.group-austria.at
FH-Prof. Dr. Christina Schweiger
- Head of Study Programs
- FHWien der WKW
- Unternehmens-Profil
- www.fh-wien.ac.at
Corinna Ladinig, MBA
- Geschäftsfüherin
- CTC Academy OG
- Unternehmens-Profil
- www.ctc-academy.at
Mag. Claudia Prock
- Lehrgangsleiterin
- BFI Salzburg BildungsGmbH
- Unternehmens-Profil
- www.bfi-sbg.at
Mag. Manuela Klaushofer
- Businesstrainerin
- careercenter gmbH


