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Recruiting | Die Relevanz einer Führungskräfte-Ausbildung / MBA-Abschluss bei Bewerbern

HRweb-Interviews:

 

Eine Führungsposition wird neu besetzt. Die Vor-Selektion identifiziert Bewerber MIT und andere OHNE substantielle Führungskräfte-Ausbildung. Wie viel Wert sollte im Recruiting auf fundierte Ausbildung / einen privat finanzierten MBA-Abschluss / Ähnliches gelegt werden?

Gemeint sind privat finanzierte MBA (MSc) Studien, substanzielle Führungskräfte-Ausbildungen, Lehrgänge, etc. – nicht das normale Studium an öffentlichen Unis.

Mein heutiges Experten-Interview thematisiert: Lieber Personalist, DAS sollten Sie vom Bewerber mit fundierter Führungskräfte-Ausbildung / Master-Abschluss erwarten. Daher starte ich mit einer sehr umfangreichen und gleichermaßen offenen Frage:

 

 

Was unterscheidet im Recruiting Bewerber mit Führungskräfte-Ausbildung / Master-Abschluss von jenen ohne diese Weiterbildung (abgesehen von all den anderen Recruiting-relevanten Kriterien)? Was sagt dem Recruiter die schlichte Tatsache, dass ein derartiger Abschluss vorhanden ist?

Mag. Robert Korp (Dale Carnegie Austria): Wenn auch ohne Aussagekraft über die tatsächliche Eignung – der Abschluss sagt etwas über die Einstellung des Kandidaten aus, daher erst einmal ein kleiner Pluspunkt. Wobei im Zweifelsfall immer die Persönlichkeit „sticht“. Besser ein Praktiker mit gesundem Menschenverstand und ausgeprägten Social Skills als ein Weltmeister der Theorie.

Veronika Aumaier, MAS, MSc (Aumaier Coaching Consulting): Bewerber mit einer einschlägigen Führungskräfte -Ausbildung haben Interesse an Führung. Sie wollten Wissen – wie Führen funktioniert, was zu beachten ist, worauf es ankommt. Zu prüfen ist, ob tatsächlich Führungsanspruch besteht. Ob der Bewerber auch praktisch führen will und kann. Mit einer absolvierten Führungskräfte-Ausbildung kann dazu sicher von Bewerberseite her eine fundierte Auskunft erteilt werden, da das einschlägige Wording vorhanden ist. Schließlich weiß er theoretisch, was Führen umfasst und worauf er sich beim Führen einlassen würde. Offen bleibt, ob er das Gelernte in die Praxis umsetzen kann. Wenn es bis dato im Lebenslauf keine einschlägigen Erfahrungen aus Beruf oder Freizeit gibt, dann ist einerseits der persönliche Auftritt im Bewerbungsgespräch ausschlaggebend. Ist er souverän, gewinnend, durchsetzungsstark, überzeugend, leidenschaftlich, empathisch genug? Übernimmt er Führung im Gespräch? Und andererseits bieten Antworten auf hypothetische, situationsbezogene Führungsfragen Hinweise auf das konkrete Führungshandeln: Wie würde er konkrete Führungssituation meistern?

MMag. Victor Mihalic (EBC*L): Kann ein Bewerber eine FK-Ausbildung nachweisen, ist das ein eindeutiges Indiz, dass er zum Ersten den unbedingten Willen hat, FK sein zu wollen. Zum zweiten zeigt es sein Bewusstsein, dass eine Führungsposition einer umfassenden Vorbereitung bedarf, da sonst ein Scheitern vorprogrammiert ist.

Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Beides zeigt, dass der Bewerber an Weiterbildung interessiert ist – ein Abschluss einer Führungskräfte-Ausbildung gibt zumindest Auskunft, dass er sich theoretisches und praktisches Wissen zum Thema Führung angeeignet und meist auch bereits umgesetzt hat (die Führungskräfte-Ausbildungen sind meist sehr praxisrelevant und finden in kleineren Gruppen statt, auch wird intensiv geübt).
Master-Abschluss – ist meist akademischer d.h. mehr theoretisches Wissen, weniger Anbindung an die Praxis, möglicherweise sich intensiv mit einem Teilaspekt bei der Masterthese beschäftigt und vielleicht das eine oder andere Projekt gemacht – da müsste man schauen, welche Inhalte das Master-Studium aufwies und die praktische Anbindung untersuchen. Auch ist relevant, ob der Bewerber schon Praxiserfahrung zum Thema Führung hat oder eben nur „akademisches Wissen“ angehäuft hat.

Ulrike Jung (hrdiamonds): Grundsätzlich ist natürlich zu beachten, um welche Position und um welche allgemeinen Anforderungskriterien es sich handelt. Ob sich nun Bewerber mit Ausbildung von jenen ohne unterscheiden, sollte auf jeden Fall im Gesamtkontext betrachtet werden. Ich denke nicht, dass aufgrund der bloßen Tatsache, dass eine Weiterbildung vorhanden ist, eine jeweilige Präferenz vorliegen kann. Ohne relevante Berufserfahrung würde eine Aus- oder Weiterbildung nicht viel wert sein und hätte nur theoretisches Gewicht. Essentiell ist die praktische Erfahrung für eine Stelle, über die ein Bewerber verfügt. Eine Fortbildung kann erst dann wirken, wenn sie zum bisherigen Bildungsweg des Bewerbers passt und er darauf aufbauen kann bzw. dann umsetzen kann, was er gelernt hat. Ein MBA oder andere Ausbildungen sind also immer gekoppelt mit praktischer Erfahrung.

Prof. (FH) Dr. Helmut Siller (E-learning-consulting): Ein MBA ist ein wissenschaftlicher Abschluss, eine Zusatzausbildung. Jemand mit einem solchen Abschluss hat aus Eigeninitiative in seine Bildung, sein Wissen, seine Kompetenz investiert. Er möchte beruflich fortkommen, und ist dazu auch in der Lage. Solche Personen können stärker gefordert werden, sie wollen es auch.

Lohnt sich der Aufwand?

Marianne Grobner (Grobner Consulting & Fachhochschule Vorarlberg): Für den Bewerber auf jeden Fall, immer! Für das Unternehmen nur dann, wenn der Mitarbeiter auch ausreichend Freiraum bekommt, Projekte im Unternehmen zu leiten, das Erlernte auszuprobieren und umzusetzen.
Es muss dem Unternehmen aber auch bewusst sein, dass dadurch eine gewisse – hoffentlich kreative – „Unruhe“ ins System kommen kann und dadurch auch Konflikte entstehen können. Man sollte daher nicht vergessen auch die Umgebung des Weiterbildenden mit in den Lernprozess einzubinden.

Sind aus Ihrer Sicht manche MBA-Programme besser als andere?

Petra Schulte (USP-D Consulting): Viele Führungskräfte, die selbst einen MBA gemacht haben, halten diesen für die geeignete und vielleicht sogar einzig angemessene Denkschmiede ihrer Nachfolger und Managementkollegen. In kleinen Unternehmen, in denen die Entscheider sich durch MBA-Studien auszeichnen, wird häufiger der Wunsch geäußert, diese Weihen auch ihrer nächsten Ebene zu ermöglichen, so als sei dem MBA-Studienanbieter überantwortet, stellvertretend für die Führungscrew die Entwicklung der Führungskräfte zu übernehmen. Die MBA-Absolventen mögen es sehr schätzen, wenn sich ihre Alumni und ihre Unternehmenskollegen der gleichen Konzepte, Vokabeln und mentaler Landkarten bedienen. Damit geht es ihnen ähnlich wie denen, die im Unternehmen an einer FK-Entwicklung teilgenommen haben: Auch hier hat sich eine gemeinsame Denke und Sprache entwickelt. Doch der MBA ist Benchmark-orientierter und kocht Managementwissen auf einen Weltstandard herunter bzw. aggregiert dieses dazu hoch. In beidem liegt jedoch ein starker Abstraktionsgrad mit der Gefahr, die Lösung im Anlegen der Standards, der Modelle und der Formeln allein zu sehen und sich nicht mehr wirklich auf den richtigen, wirksamen Weg zu fokussieren und angestrengt nach einer guten, passenden Antwort zu suchen. MBA – vielleicht keine Klone, aber auf jeden Fall stellen sie die Einladung für eine grobe Vereinfachungsfalle dar.
Doch diese Fallen gibt es überall. Niemand muss in sie hineintappen. Diese Verantwortung liegt bei jedem Manager selbst.

Wie wichtig ist es beim Recruiting neuer Führungskräfte, dass sie über eine Führungskräfte-Ausbildung verfügt – genügt nicht auch reine Praxis?

Günther Mathé, MBA (careercenter): Das Wissen eines Studiums und die Wirtschaftstrends sind mittlerweile so schnelllebig geworden, dass kaum jemand auf lange Sicht mit dem Wissen seiner Grundausbildung ein ganzes Berufsleben lang auskommt. Für jede Führungskraft, die den Anspruch hat, am Ball der Zeit zu bleiben, ist es daher erforderlich sich regelmäßig weiter zu bilden. Am Wichtigsten ist jedoch, dass bei solchen Weiterbildungen young professionells bzw. Führungskräfte sich gegenseitig austauschen und dadurch voneinander lernen können.

 



Die Gesprächspartner

Mag. Robert Korp
Geschäftsführer

Dale Carnegie Austria

www.dale-carnegie.at

Unternehmens-Profil


aumaier-veronika-150-quadrat

Veronika Aumaier, MAS, MSc
Eigentümerin und Geschäftsführerin

Aumaier Coaching Consulting GmbH

www.aumaier.com, www.aumaier-coaching-club.com

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mathe-guenther-careercenter-150_qGünther Mathé, MBA
Geschäftsführer

careercenter

www.careercenter.at

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schulte_petra_usp-d-150-verschwommen

Petra Schulte
Geschäftsführende Gesellschafterin

USP-D Consulting GmbH

www.usp-d.com

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MMag. Victor Mihalic
Geschäftsführer

EBCL International GmbH

www.ebcl.at/

Unternehmens-Profil


ladinig_corinna_ctc_150_qCorinna Ladinig, MBA
Geschäftsführung

CTC Academy OG

www.ctc-academy.at


Marianne Grobner
Beraterin, Autorin und Hochschullehrerin

Grobner Consulting & Fachhochschule Vorarlberg

www.grobner.com


Ulrike Jung  
Management Board, Personalentwicklerin & Coach

HRdiamonds

www.hrdiamonds.com


Prof. (FH) Dr. Helmut Siller

ELC E-Learning-Consulting GmbH


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Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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