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Arbeiten mit Autismus | Specialisterne zeigt wie es geht und unterstützt aktiv

Die Gehälter von Spezialisten sind in wirtschaftlich erfolgreichen Zeiten besonders stark am Steigen. Unternehmen sind daher immer mehr gefragt, auch Mitarbeiter aus einem verborgenen Talentepool zu rekrutieren. Specialisterne unterstützt Unternehmen bei der Vermittlung von Personen mit einer leichten Form von Autismus, um mit den unterschiedlichen Denkweisen dieser Mitarbeitergruppe optimal umgehen zu können.

Was nur wenige Menschen wissen: 1 Prozent der Bevölkerung befinden im sogenannten autistischen Spektrum. Mit anderen Worten: Gerade in IT und Technik-Betrieben, die typische Bereiche sind, arbeiten vermutlich schon jetzt unerkannt autistische Kollegen.

Im Interview mit Bettina Hillebrand (Geschäftsleiterin bei Specialisterne).

In welche Bereiche vermitteln Sie Ihre Kandidaten mit Specilisterne?

Wir unterstützen die Rekrutierung von Personen mit leichtem Autismus primär in die Bereiche IT und Qualitätssicherung, da diese Felder den Naturbegabungen der Personen besonders gut entsprechen. Unsere Bewerber bringen oft außergewöhnlich gute Leistungen bei Aufgaben, die besondere Präzision, Ausdauer und logisch-analytisches Denken verlangen.

Im Fokus unserer Arbeit steht immer der Mehrwert für Unternehmen und Gesellschaft. Specialisterne hilft dabei, die Rahmenbedingungen in den Unternehmen so zu gestalten, dass unsere Bewerber ihr volles Potenzial entfalten können. Die Mitarbeiter werden marktüblich entlohnt, denn wir betreiben kein Charity und vermitteln keine Billig-Arbeitskräfte.

Inwiefern ist Ihre Dienstleistung besonders gewinnbringend für die Unternehmen?

In erster Linie verhelfen wir Unternehmen zu Fachexperten, die für bestimmte Bereiche besonders gut geeignet sind. Sie sind zugleich besonders loyal, weil sie weder berufliche Veränderung noch steile Karrieren anstreben.

An ein mittelständisches Unternehmen haben wir beispielsweise zwei zertifizierte Softwaretester vermittelt. Aufgrund ihrer fokussierten Arbeitsweise wurde der Entwicklungsprozess neu gestaltet, weil die beiden Tester Lücken und Fehler der Systeme wesentlich schneller und umfassender identifizieren konnten als ihre Kollegen.

Wir erleben immer wieder, dass unsere Kandidaten auf emotionaler Ebene besonders motiviert sind, im Berufsleben voll engagiert zu sein, da wir gemeinsam mit ihren neuen Arbeitgebern sie beim Weg aus der Arbeitslosigkeit in eine neue Unabhängigkeit begleiten.

Ein anderer Aspekt ist aus meiner Sicht: Menschen mit Autismus haben eine andere Wahrnehmung der Welt. Diese zusätzliche Perspektive ergänzt Innovationsteams und kann zu außergewöhnlichen Lösungen führen. Specialisterne bietet daher regelmäßige „Querdenker“-Workshops an, wo Unternehmen gemeinsam mit einem Berater mit Autismus an konkreten Fragestellungen arbeiten und gemeinsam neue Ideen entwickeln.

Worauf müssen sich Unternehmen bei der Rekrutierung einstellen?

Wir begleiten den Onboarding-Prozess im Unternehmen, sodass wir Berührungsängste und anfängliche Unsicherheiten rasch abbauen, um zu einem effizienten Arbeiten zu kommen. Im Zuge dieses Coachings profitieren die Teams sehr stark, denn der Kollege mit Autismus fordert direkte Kommunikation, Struktur und Reflexion ein.

In unseren Kick-off Workshops ist es mir schon mehrfach passiert, dass langjährige Kollegen über Bedürfnisse oder Sorgen erstmals diskutieren und so das Verständnis und den Zusammenhalt im Team stärken. Da sich Personen mit Autismus sehr ehrlich öffnen, regt dies das ganze Team dazu an, etwas von sich preiszugeben.

Zusätzlich spielt die Führungskräfte-Entwicklung on the job eine besondere Rolle: Eine Führungskraft berichtete uns davon, wieviel sie von den Mitarbeitergesprächen mit seinem Programmierer mit Autismus zum Thema Feedbackkultur gelernt hat. Aufgrund der starken Faktenorientierung kommen oberflächliches Lob oder kritische Pauschalaussagen nicht an. Jetzt spricht die Führungskraft Themen sehr konkret und direkt an, auch wenn sie unangenehm sind. Anfangs moderieren wir diese Feedback-Situationen, weil selbst erfahrene Führungskräfte eher zu diplomatischer als direkter und offener Sprache tendieren.

Was ist Deine abschließende Zusammenfassung, was es für Deine Zielgruppe braucht, um erfolgreicher zu werden?

Menschen mit Autismus sind auf offene und mutige Entscheider in Unternehmen angewiesen, die eine Zukunftschance darin erkennen, wenn sie auf geniale Köpfe mit ungewöhnlichen Lebensläufen setzen. Sich dafür die nötige Führungskompetenz und einen adaptiven Führungsstil anzueignen, hilft dabei, die Potentiale dieser Fachexperten optimal zu nutzen.


Interview-Partnerin

Bettina Hillebrand ist Geschäftsleiterin von Specialisterne. Sie können sie erreichen unter bettina.hillebrand@specialisterne.at, Tel +43 / 650 / 777 18 08, www.specialisterne.at


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2 Kommentrare

  1. Gerda Hillebrand am

    Hervorragendes Interview für eine wunderbare Sache

  2. Felix am

    Spezialinteressen/Talente/Fähigkeiten beschränken sich nicht nur auf IT und Technik. Literaturempfehlung: Kohl, Seng, Gatti – Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und Erfahrungen, Kohlhammer, 2017 sowie Lorenz and Heinitz: Aspergers – Different, Not Less: Occupational Strengths and Job Interests of Individuals with Asperger’s Syndrome, PlosOne, Juni 2014, 9(6) – genauer gesagt, kann sich in jedem Berufsfeld ein (unerkannter) Autist verborgen, bitte vergesst nicht auf sie.

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