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New Work | Auswirkungen von New Work aus der Sicht von Business Coaching

New Work ist bereits in vielen Unternehmen angekommen und wirbelt grundlegende Strukturen und Werte durcheinander. In wie fern Mitarbeiter darin das Positive oder eher das Herausfordernde sehen, spüren u.a. Business Coaches sehr rasch. Daher ist genau das meine Zielgruppe meines heutigen Experten-Interviews:

An Business Coaches trete ich mit folgenden Fragen heran: In wie fern macht sich New Work im Business Coaching bemerkbar? Wie gehen Menschen mit der neuen Art des Arbeitens um, welche Erwartungen haben sie, worin liegen Stolpersteine, worin Lösungswege?

 

 

Spiegelt sich New Work in Ihrer Coaching-Praxis wider?

Miglena Doneva (ITO Individuum Team Organisation): Aus meiner Sicht wird New Work immer mehr Realität. Eines der Merkmale in meiner Coaching-Praxis ist die ansteigende Kundenerwartung was Flexibilität betrifft im Zusammenhang mit Zeit und Ort. Ein anderer Punkt sind die Inhalte, die die Klienten mitbringen und an denen sie arbeiten wollen – immer öfters tauchen Themen auf wie die Suche nach Freiräumen für Kreativität und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und somit etwas wirklich Sinnvolles und Wichtiges im Leben machen.

Mag. Renate Strommer (ASO & Wilak): Die Frage der Lebens-, Arbeits- und Erwerbsgestaltung durch Veränderung der Arbeitswelt spielt eine große Rolle für Coachees. Im Coaching thematisiert kein Coachee das Thema New Work unter diesem Namen. Auseinandersetzung und Veränderungsprozesse spiegeln sich auf allen Ebenen, wie gesellschaftlich, politisch, sozialpolitisch, auf der Ebene der Organisationen, der Personenebene, etc. wieder.

Aumaier Veronika (AUMAIER & Partner, Coaching): Da wir im Coaching überwiegend Führungskräfte aus unterschiedlichsten Branchen haben ist New Work in vielfältigen Schattierungen ein Thema im Coaching. Viele unserer Kunden beschäftigt die Ausgestaltung der Führungsrolle in agilen Organisationsstrukturen oder remote Leadership, wenn ein Team virtuell zu führen ist, sei es aufgrund globaler Teamstrukturen oder intensiver Homeworker Vereinbarungen.

 

Welche neuen Themen / Herausforderungen stellen sich für Business Coaches in Zeiten von New Work?

Mag. Renate Strommer (ASO & Wilak): Die Coaching-Themen liegen vorrangig in der widersprüchlichen Veränderungsentwicklung der Interessen und Strategien der Organisationen und der der Mitarbeiter bzw. des Selbständigen/Unternehmers und dem Markt.
Von den Coachees werden Fragen gestellt nach Sinn, Gestaltungsräumen, Erleben von Selbstwirksamkeit und Entscheidungsbeeinflussung, Selbstverwirklichung, Veränderung von Arbeitsformen, Rahmenbedingungen, zeitliche und örtliche Gestaltung, Konfliktaustragung, Zugehörigkeits- und Identifikationsthemen, Integration, Absicherung oder Vorsorge durch Aufbau von Zweit- und Drittstandbeinen, Überlegungen, welche Form der Arbeit mit über 50 für den Coachee denkbar sind (Altersarbeitsmodelle), Reorientierung als Karriereschritt aber auch um kompetente Arbeitsleistung zu bringen, durch das, was Freude macht, Orientierung für Neuausbildung und Weiterbildung zur Realisierung, Fragen des Aufbaus von Selbständigkeit, etc..

Miglena Doneva (ITO Individuum Team Organisation): Das zentrale Thema ist, gewohnte Bahnen im Arbeitsstil zu verlassen. Das bedeutet, an der Einstellung zu arbeiten, um neue Herausforderungen als Chance wahrnehmen zu können und für sich zu prüfen, wo man Möglichkeiten vielleicht liegenlässt.

Aumaier Veronika (AUMAIER & Partner, Coaching): Business Coaches sind zum einen heute schon von der Thematik online Coaching versus Präsenzcoaching betroffen. Wobei derzeit aufgrund der Methodenvielfalt und Wirksamkeit dem Präsenzcoaching in den überwiegenden Fällen der Vorzug zu geben ist. Online Coaching kann speziell bei weiten Entfernungen eine gute Ergänzung darstellen. Mit dem technischen Fortschritt – speziell in der Virtual Reality Entwicklung – wird das Präsenzcoaching gleichwertige Alternativen erfahren.

 

Ist eine Flexibilisierung, erhöhte Freiheit, vermehrte Eigenständigkeit überhaupt gewünscht?

Miglena Doneva (ITO Individuum Team Organisation): Menschen haben unterschiedliche Grundmotivatoren. Unsere Studien zeigen, dass Unabhängigkeit und Flexibilisierung als Motivatoren nur auf einen eher kleinen Teil zutreffen. Um das Konzept New Work umzusetzen, ist ein erheblicher Veränderungsaufwand nötig. Das betrifft vor allem Arbeitseinstellung und –moral. Dabei kann Coaching eine wertvolle Unterstützung sein.

Aumaier Veronika (AUMAIER & Partner, Coaching): Vermehrte Eigenständigkeit und erhöhte Freiheitsgrade werden grundsätzlich von allen gewünscht, wobei sie zu leben oftmals nicht leicht fällt. Konsequent zu Ende gedacht würden sie in die Selbständigkeit führen. Für Führungskräfte bedeuten sie jedenfalls Entrepreneurship und Unternehmertum. Das hat möglicherweise den Nachteil von schwankenden Einkommen und Auslastungen oder Karriereknicks etc. Für Mitarbeiter bedeuten sie verstärkt Anerkennung für Leistungs- und Zielerreichung und weniger Beziehungsorientierung und Anerkennung durch Wertschätzung. Das eine geht schwer ohne dem anderen. Das wird für alle Beteiligten eine große Herausforderung.

Mag. Renate Strommer (ASO & Wilak):

  • Eine Antwort auf einen statischem Zugang der Fragestellung: „Will ich oder will ich nicht.“ Dies ist sicherlich eine Frage der Persönlichkeit, der persönlichen Erfahrungen, Kompetenzen, der aktuellen Rahmenbedingungen, die damit einhergehen, der Erfahrungen mit der erlebten Organisations- und Führungskultur, den Erfahrungen mit Prozessbegleitung in Veränderungsprozessen und vielem mehr.
  • Aus dynamischer Sich heißt das: „Was und wie entwickle ich ….?“ UND „Was und wie entwickelt sich die Organisation, die Führungskräfte, …..? UND wie verändern sich damit meine Wünsche und Erwartungen und Möglichkeiten

Der Kern der Auseinandersetzung liegt auf der Personen-Ebene im Spannungsverhältnis Führung und Selbstführung. Persönlichkeitsentwicklung auf Mitarbeiter- und Führungskräfte-Ebene gehören genauso wie fachliche Kompetenzentwicklung zum Grundrüstzeug der Zukunft. Wünsche und Wollen entstehen aus Sicherheit durch Kompetenzen. Fördere ich Mitarbeiter und Führungskräfte im Kompetenzaufbau, gestalte ich Rahmenbedingungen, etc. werden Wünsche, Erwartungen und Möglichkeiten entstehen.

 

Ist New Work ein Thema der jüngeren Arbeitnehmer oder auch (oder gerade) eines der älteren?

Aumaier Veronika (AUMAIER & Partner, Coaching): New Work wird von jüngeren Arbeitnehmern eher angestrebt, wobei die Eigenständigkeit und Freiheit im Einkommen und im Beschäftigungsgrad oft nicht mitbedacht wird. Ältere Arbeitnehmer haben in diesem Fall oft eher das grundsätzliche Thema, dass sie sich auf Veränderungen – egal in welcher Form – schwerer einlassen können und wollen. In beiden Fällen kann Coaching eine hilfreiche Unterstützung sein.

Mag. Renate Strommer (ASO & Wilak): Die Themen können größtenteils altersunabhängig gesehen werden. Die Erwartungen, Möglichkeiten, Chancen, Risiken, das Herangehen an Themen und die faktischen Auswirkungen sind wahrscheinlich unterschiedlich.
Der größte Unterschied liegt meiner Erfahrung nach im Erleben der „Jungen“ und dem Umgang mit Spannungsfeldern wie Orientierung – Desorientierung, Flexibilität – Sicherheit, Planbarkeit – Freiraum. Beispielsweise: Auf der einen Seite das positive Erleben durch Gestaltbarkeit, Möglichkeiten, „Du kannst alles“-Suggestionen, denen wir auch in der Werbung häufig begegnen, und auf der anderen Seite das Erleben von extremen Druck, im Sinne von „was muss ich nicht alles bereits geleistet haben“, „ich muss die richtigen Entscheidungen treffen, nur was ist richtig?“, „ich darf mir keine Fehler erlauben.“ „Wenn ich eine Entscheidung treffe, gehen so viele Türen zu.“ Und Menschen, die mit 24, 28, 30 Jahren sagen „Ich bin zu alt, ich muss jetzt das Richtige finden, das Richtige machen ….“ Und sich nach Orientierung und Sicherheit sehnen.

Miglena Doneva (ITO Individuum Team Organisation): Ich erlebe diese Entwicklung in beide Richtungen: die junge Generation, die in der globalen und digitalen Welt aufwächst und die Möglichkeiten, die diese anbietet, gut kennt und nutzt; aber auch die Baby Boomers und Generation X, die in den letzten Jahrzenten erlebt haben, dass viel Wert auf punktgenaue Arbeitsteilung, klare Hierarchien sowie feste Zeitstrukturen gelegt wird. Einige sehen die Möglichkeiten durch New Work eine neue Life Balance zu finden und etwas zu machen, das sie mit ihren tiefsten Werten verbindet und sie erfüllt.



 

Die Gesprächspartner

 


Veronika Aumaier, MAS, MSc
Eigentümerin und Geschäftsführerin

Aumaier Coaching Consulting GmbH

www.aumaier-coaching.com

Unternehmens-Profil


Miglena Doneva
Coach, Programmleiterin Coaching

ITO Individuum Team Organisation GmbH

www.ito.co.at

Unternehmens-Profil


Mag. Renate Strommer
Geschäftsführerin

ASO & WiLAk GmbH

www.aso.at


selan_eva_150Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb
Eva.Selan@HRweb.at
www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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Ein Kommentar

  1. Maren am

    EIn sehr interessanter Beitrag!
    Den neuen Herausforderungen müssen sich die Unternehmen auf jeden Fall stellen, um den Anschluss nicht zu verlieren!

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