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Interkulturelle Freigeister | Neue Themen/Kompetenzen aufgrund von Covid?

Interkulturelle Freigeister brauchen intellektuelle Nahrung, auch wenn die internationale Reisetätigkeit eingeschränkt ist. Interkulturelle Kompetenz ist umso mehr gefragt, doch muss sie anders ausgelebt werden.

Was hat sich geändert, welche Kompetenz-Trainings werden im letzten Jahr verstärkt nachgefragt? Ich wende mich an Anbieter von interkulturellen Trainings.

 

 



 

Änderte Covid die Inhalte, die bzgl. interkultureller Kompetenz nachgefragt werden? Ja: In wie fern? Nein: weshalb?

Chris Fuchs (KICK OFF): Ja, denn durch die Covid-Krise wurden bzw. werden viele Personen mit ihren individuellen Stressmustern konfrontiert. Keine Reisen, ständige Konfrontation mit sich selbst am Bildschirm, Gesichtsmasken etc. Durch diese neue Situation verharrten viele Menschen im „Warten“, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie sind quasi „nach Hause gefahren“ bzw. emotional „nach Hause immigriert“. Im interkulturellen Kontext müssen wir daher viel mehr auf die Wurzelkultur des Individuums bzw. der Gruppe eingehen. Denn in Ausnahmesituationen kommt die kulturelle Prägung noch viel stärker zum Vorschein.
Fürs interkulturelle Training bedeutet das, dass mehr Zeit und Raum für die Selbstreflexion eingeräumt werden muss, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Individuen klarzustellen.  Darüber hinaus ist es wichtig, Stressmuster noch klarer darzustellen, z.B. in den Bereichen Kommunikationsstile, Kommunikationsverhalten, Umgang mit Zeit und Regeln und Umgang mit Hierarchie – dies sind außerordentlich wichtige Inhalte.

Dr. Karin Schreiner (Intercultural Know How): Ich sehe vor allem drei Schwerpunkte:

  • Interkulturelle Sensibilisierung für internationale Teams, die weltweit zusammen arbeiten: es geht um eine bessere und verständnisvollere, auch effektivere Zusammenarbeit und um die Vermeidung von Missverständnissen und Konflikten.
  • Interkulturelle Kompetenz aufbauen für international tätige Führungskräfte: vor allem in technischen Unternehmen wird dies verstärkt nachgefragt, da die Generation der jetzigen Führungskräfte darin in ihrer meist rein technischen Ausbildung nicht geschult wurde.
  • Kulturwissen aufbauen für spezifische Länder, in denen das Unternehmen hauptsächlich agiert (mein Gebiet: Asien): dies wird am häufigsten nachgefragt, da es um konkrete Kenntnisse zu kulturellen Besonderheiten und Business Etikette des Ziellandes geht

Mark Heather (MHC Business Language Training): COVID hat die von den Studenten gewünschten Inhalte meiner Meinung nach kurzfristig nicht allzu stark verändert. Viele wollten ihre technische Kompetenz verbessern und wissen, wie sie online besser präsentieren können. Daher entwickelten wir ein spezielles Webinar zu diesem Thema und halfen unseren Kunden erfolgreich, ihre virtuelle Präsentationstechniken zu verbessern. So lernen die internationalen Unternehmen viele Aspekte ihrer interkulturellen Kommunikation effektiver zu gestalten.

Margarete Friedl, MA, MAS, MSc (Spidi): Nein, aus unserer Beobachtung gibt‘s keine inhaltlichen Veränderungen. Nicht was die aktive Nachfrage nach interkultureller Kompetenz in Bezug auf Kompetenzen betrifft – ausgenommen Fremdsprachenkompetenz (die ja auch eine interkulturelle Kompetenz ist). Zusammenarbeit über (Landes-)Grenzen hinweg hat es auch vor der Pandemie sehr häufig virtuell gegeben, jetzt hat die Virtualität zugenommen, die Themen blieben die gleichen.

Matthias Würth, MSc (ICUnet Austria): Covid hat in den Unternehmen einen Digitalisierungsschub gebracht. Selbst in sonst sehr traditionell bzw. konservativ agierenden Organisationen war plötzlich die Tür in Richtung virtueller Trainings und auch dem Einsatz gewisser E-Learnings gegeben. Inhaltlich mag es eine gewisse Verlagerung zum Fokus auf „virtual collaboration“ gegeben haben.
Die speziell auf Auslandsentsendungen vorbereitende Trainings gab es verständlicherweise weniger.
Neu zu sehen waren virtuelle Onboardings, um New Hires auch entsprechend in den Unternehmen einzuführen. Dieses Thema hat auch eine kulturelle Komponente, ganz unabhängig, ob national oder international rekrutiert wurde.
ICUnet ist überwiegend im Bereich internationaler Entsendungen tätig, und hier erwarten wir in den nächsten Jahren zunehmend den Trend sogenannter „virtual assignments“ bzw. „virtual work arrangments“, die aus unserer Sicht noch einmal eine höhere (inter)kulturelle Sensitivität erfordern.
Darüber hinaus ist das Themenfeld „Diversity & Inclusion“ verstärkt in den Unternehmungen angekommen.

Dr. Sabine Weiss (Berlitz): Grundsätzlich hat Covid die Inhalte der interkulturellen Seminare kaum geändert, da kulturelle Unterschiede weiterhin bestehen. Wir betrachten Kultur allerdings nicht nur in nationalen Bahnen, sondern im Fokus stehen 6 Ebenen: die Organisationale, die Individuelle, die Teamebene, die Nationale, die Funktonale und die Ebene der Identitätsgruppe und in den einzelnen Ebenen gab es natürlich durch die Pandemie neue Herausforderungen.

Inwiefern kann interkulturelle Kompetenz angesichts der Herausforderungen in der Covid-Krise nützlich sein?

Dr. Karin Schreiner (Intercultural Know How): Interkulturelle Kompetenz ist unter anderem die Fähigkeit, sich außerhalb seiner Komfortzone auch wohl zu fühlen bzw. die Herausforderung anzunehmen, sich in eine unberechenbare Situation zu begeben. Das heißt, Neues und Ungewohntes zu suchen und dies als Bereicherung zu verstehen.
Auch Ambiguitätstoleranz gehört zu interkultureller Kompetenz. Davon brauchen wir zur Zeit viel, da wir durch mehrere Lockdowns in Situationen kommen, die nicht immer logisch erklärbar oder konsistent sind, die wir aber trotzdem aushalten müssen.
Flexibilität und Anpassungsfähigkeit wird angesichts der nicht einschätzbaren allgemeinen Lage in Bezug auf die Pandemie von uns erwartet und gefordert – beide Fähigkeiten sind wesentliche Pfeiler interkultureller Kompetenz. Auch Stress-Resistenz und Coping-Strategien gehören zu interkultureller Kompetenz. Angesichts der Krise werden wir in Bezug auf Aushalten von Stress sehr gefordert.
Man sieht: interkulturelle Kompetenz ist eine Fähigkeit, die gerade in Krisensituationen äußerst wichtig ist.

 



Die Gesprächspartner

 


Dr. Karin Schreiner
Intercultural Consultant, Inhaberin

Intercultural Know How – Training & Consulting

www.iknet.at

Unternehmens-Profil


Chris Fuchs
Geschäftsführer

KICK OFF Management Consulting GmbH

www.kick-off.com

Unternehmens-Profil


Matthias Würth, MSc
Managing Director

ICUnet Austria GmbH

www.icunet.group

Unternehmens-Profil


Mark Heather
Geschäftsführer

MHC Business Language Training GmbH

www.mhc-training.com


Margarete Friedl, MA, MAS, MSc

SPIDI Training for glocal minds


Dr. Sabine Weiss

Berlitz


Interview durchgeführt von

Mag. Eva Selan, MSc
Geschäftsführerin

HRweb

www.HRweb.at

Autoren-Profil | Eva Selan


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