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chronotypen

Ein wenig beachtetes Thema der menschlichen und produktiven Arbeitsgestaltung sind die unterschiedlichen Chronotypen (Zeit-Typen). Folglich geht es um die bevorzugten Schlaf- und Aktivitätszeiten, die bei jedem von uns individuell genetisch geprägt sind. Im Interview sehe ich mir an, wie groß die Auswirkungen tatsächlich sind, wenn Nachteulen auf Morgens-hoch-Aktive treffen und im Office ein gemeinsames Ziel verfolgen sollen.

Experten-Interview

Corporate Health, Chronotypen

Links der HR-Branche Corporate Health

Ist die Ausprägung von Chronotypen tatsächlich so klar, sodass sich für das Unternehmen Vor-/Nachteile ergeben?

Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, MSc (E.S.B.A.): Es gibt genetische Dispositionen zu bestimmten Typen. Die Chronobiologie befasst sich genau damit, wie die innere Uhr von Menschen tickt. Vor allem der circadiane „Schlaf-Wach-Rhythmus“ ist hier ein wichtiger Taktgeber der inneren Zeitqualität, der chemische und biologische Prozesse laufend verändert und damit grundlegend unsere Gesundheit beeinflusst.  Es gibt sie, die Eulen und Lerchen, die meisten sind jedoch Mischtypen zwischen Frühaufsteher und Nachtschwärmer. Es gibt sie, die täglichen Aktivitäts- und Tiefpunktzeiten für die eigene Leistungsfähigkeit. Die meisten Menschen wissen auch welcher Typ sie sind. Dieser biologischer Rhythmus der inneren Uhr, ist lange sozialisiert, manchmal eben auch durch die Umgebungsbedingungen verändert, wie z.B. wenn man Kinder hat, die selten auf den Rhythmus der Eltern achten.  Menschen in Schichtarbeit haben die Schwierigkeit des ständigen Wechsels ihrer Arbeitszeiten, und damit auch ein ewiges Adaptieren ihrer chronobiologischen Veranlagung. Adaptieren kostet Kraft und Energie, Erschöpfungs-symptomatiken sind oft die Folge.

Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Ja, weil Morgenmenschen in der Früh produktiver sind und Abendmenschen am Abend. Das trifft auf Meetings genauso wie auf Aufgabenerfüllung zu. Wenn möglich, ist es daher sinnvoll z.B. wichtige Besprechungen auf eine Zeit anzuberaumen, zu der die meisten Chronotypen in ihrer Energie sind. Mein Tipp daher: tauschen Sie sich bitte im Team aus, wer sich wann produktiv fühlt, wann Routinearbeiten gut bewältigt werden können und schaffen Sie eine Atmosphäre der Akzeptanz für Andersartigkeit – auch wenn Sie als Führungskraft z.B. ein totaler Morgenmensch sind.

Ist der Chronotyp angeboren oder umweltbedingt?

Dr. Helmut Stadlbauer (IBG): Ja. Was kaum wer weiß: die chronotypische Veranlagung ist eine genetisch geprägte – es gibt inzwischen einen kommerziellen RNA-Test, der von der Berliner Charité entwickelt wurde, mit dem Sie Ihren Chronotyp wissenschaftlich fundiert bestimmen lassen können. Außerdem gibt es dafür Fragebogen-Methoden, die Sie im Netz finden.

Eine umfangreiche Datenbank zu Chronotypen, erhoben durch Fragebögen, hat das Psychologie-Institut von Prof. Roenneberg an der Uni München. Die haben hunderttausende Datensätze aus der ganzen Welt, und überall zeigt sich eine ähnliche Verteilung der Schlafmittelpunkte der Menschen, nach denen hier der Chronotyp definiert wird. Also zu welchen Zeiten wir schlafen, wenn wir können, wie wir wollen. Vor allem ungestört vom Wecker, der uns zur fremdbestimmten Arbeit ruft. Durchschnitts-Chronotypen, Normaltypen, schlafen – ungestört – etwa von Mitternacht bis acht Uhr früh. Wenn wir diejenigen dazurechnen, die ab 22:30 bis 1:00 Uhr schlafen gehen, haben wir erst gut 70 % der Erwachsenen erfasst. Nur etwa 7 % gehen um 22 h oder früher schlafen, aber etwa 20 % erst nach 1 h früh, und würden bis 10 – 11 – 12 Uhr schlafen. Wenn sie könnten, wie sie wollen. Was in unserer Arbeitswelt nicht der Fall ist, nicht einmal für die häufigen Normaltypen.

Da kommt das „Ausschlafen am Wochenende“ ins Spiel. Denn die Konsequenz der meist zu frühen und zu wenig flexiblen Arbeitszeiten ist: Schlafmangel. Der lässt sich am darauffolgenden Tag durch tieferen und längeren Schlaf noch halbwegs kompensieren. Aber den Schlafmangel vom Montag kann ich am folgenden Wochenende nicht mehr aufholen. Ergo: ein erheblicher Teil der arbeitenden Menschen schläft weniger, als es ihnen ihre Genetik vorgeben würde.

Das können gesunde Menschen natürlich aushalten. Aber „aushalten“ ist etwas anderes als fit und voll leistungsfähig zu sein. Insofern sollten sich Unternehmen Gedanken machen, ob sie nicht lieber mehr ausgeschlafene Mitarbeitende haben wollen.

Sollte die Arbeitszeit flexibel auf Chronotypen reagieren?

Mag. Dr. Birgitt Espernberger (ASZ): Da es schwierig sein wird, auf die unterschiedlichsten Chronotypen im Berufsalltag Rücksicht zu nehmen, sollten Unternehmen den Handlungsspielraum ihrer Mitarbeitenden erweitern. Eine gute Möglichkeit stellen hier flexible Arbeitszeitmodelle dar. Aber auch Job-Rotation oder freie Einteilung der Tätigkeiten ermöglichen, dass auf den eigenen Chronotyp Rücksicht genommen wird, da  unterschiedliche Aufgaben zu verschiedenen Zeitpunkten durchgeführt werden können.

Dr. Helmut Stadlbauer (IBG): Genau das ist der Punkt. Wobei es noch andere wichtige Faktoren gibt, warum es ratsam ist, Mitarbeitenden viel Flexibilität ihrer Arbeitszeiten zu ermöglichen: Betreuungspflichten, Arbeitszeiten der Partner, soziale Aktivitäten und anderes mehr.
Und weil ich schon Betreuungspflichten erwähne: die starren und viel zu früh angesetzten Schulzeiten sind ein massives Problem. Nur eine Stunde später, und die Schulleistungen wären deutlich besser – in zahlreichen Studien bewiesen. Es ist ethisch fragwürdig, dass hier die Politik nicht reagiert. Gerade späte Chronotypen bei den Kindern werden schlicht in ihrer Lebensentwicklung benachteiligt. Und flexiblere Arbeitszeiten hängen natürlich eng mit Schulzeiten und Betreuungsmöglichkeiten zusammen.

Corinna Ladinig, MBA (CTC Academy): Ja, wenn geht auf jeden Fall, dies ist ein Gewinn für Unternehmen und Arbeitende – wo das möglich ist.

Wie viel Individualität kann / soll / muss ein Unternehmen zur Verfügung stellen, um den Mitarbeitenden in Bezug auf die Arbeitszeit nicht nur ideal sondern auch ausgewogen entgegen zu kommen?

Mag. Dr. Birgitt Espernberger (ASZ): Hier ist für mich vor allem der HR-Bereich gefragt – es geht darum, die Mitarbeitenden auf den richtigen Arbeitsplatz einzusetzen und den entsprechenden Handlungsspielraum zu gewährleisten, damit sie ihr Potenzial so gut wie möglich ausschöpfen können.

Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, MSc (E.S.B.A.): Soviel Flexibilität wie branchenverteilt eben möglich ist. Chronobiologische Prinzipien lohnen auch in der Wirtschaft berücksichtigt zu werden.  Die, die Home Office z.B. schätzen, lieben dabei in Ruhe ohne Unterbrechungen fokussiert arbeiten zu können. Wir  könnten uns hier jedoch noch viel mehr trauen chronobiologisch zu arbeiten, was viele meiner Coachees sich nicht erlauben, da sie Konsequenzen mit dem Arbeitgeber befürchten. Doch „auch die Pause gehört zur Musik“, wie ich gerne Stefan Zweig zitiere. Auch Pausen im Betrieb vor Ort, soll man nicht argwöhnisch oder als faules Nichtstun betrachten. Die Pause hat nicht nur chronobiologische sondern v.a auch neurobiologische Regenerationsfaktoren. Generell braucht es eine Sensibilisierung im Unternehmen für chronobiologische Faktoren auf die Produktivitäts-, Leistungs- und Stimmungsbilanz von Mitarbeitenden, da dieses Thema ja auch einfach jeden im Unternehmen betrifft.

Online-Schnell-TEST

Wer nach diesem Interview neugierig ist und daher den eigenen Typ bestimmen möchte, kann hier einen schnellen Test machen: www.ifado.de/fragebogen-zum-chronotyp-d-meq. Er ist in wenigen Minuten durchgführt und liefert danach sofort ein Ergebnis.

Die Interview-Partner

Mag. Dr. Birgitt Espernberger

Brigitt-Espernberger, ASZ, Artificial Intelligence

Corinna Ladinig, MBA

Corinna Ladinig, CTC

Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, MSc

Tomaschek-Lipiarski

Dr. Helmut Stadlbauer

Helmut Stadlbauer
Mag. Eva Selan, MSc | HR-Redakteurin aus Leidenschaft

Theoretischer Background: MSc in HRM & OE. Praktischer Background: HR in internationalen Konzernen und KMUs in Österreich und den USA.
Nach der Tätigkeit beim Print-Medium Magazin TRAiNiNG als Chefredakteurin, wechselte sie komplett in die Online-Welt und gründete Ende 2010 das HRweb.

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